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[ Klischees ]

Mickymaus und Miesmacher

„Disney“ steht in der deutschen Debatte für populären Kitsch. Das zeigt ein Problem – und zwar eins der Architektenschaft.

Nicht ganz echtes Schloss im Disneyland Paris: Wenn Kritikern nichts mehr einfällt, muss der Vergnügungspark für die Totschlagphrase herhalten.

Prof. Dr. Harald Bodenschatz

Immer wieder hört man in Architektenkreisen: Das ist doch Disney! Die Botschaft dieser Aussage ist schillernd. Oft wird damit gemeint: unecht, verfälschend, täuschend, aber auch – mit einem etwas anderen Akzent – kitschig, kulturlos, eben amerikanisch, des Weiteren: keimfrei, glatt, widerspruchslos, oder schließlich: traditionell und ornamentverliebt, vor allem aber: rekonstruierend. Das Nikolaiviertel in Berlin: Disney! Das rekonstruierte Schloss in Braunschweig: Disney! Die umstrittene neue Altstadt in Frankfurt: Disney! Der Dresdener Neumarkt: Disney! Das Kirchsteigfeld in Potsdam: Disney! Disney – das meint auf jeden Fall: zweitklassig, niveaulos. Eben igitt! Wer das Zauberwort Disney ausspricht, kann bei vielen Kollegen begeistertes Kopf­nicken ernten, ganz im Sinne einer verschworenen Gemeinschaft, die durch das Ausstoßen eines Begriffes weiß, was gut und was schlecht ist.

Neue Standards der Unterhaltung

Was in Architektenkreisen klar zu sein scheint, ist in der übrigen Welt keineswegs so klar. Disney – das ist zunächst einmal ein Unterhaltungskonzern, dessen Produkte sich an Kinder oder Familien richten. Und deren Produkte seit vielen Jahrzehnten durchaus geschätzt werden – wenngleich natürlich nicht in allen Kreisen. 1928, also vor 80 Jahren (wir wünschen alles Gute zum Geburtstag!) erblickte Mickey Mouse das Licht der Welt, 1934 Donald Duck. Eine unübersehbare Flut von Filmen, Fernsehsendungen und Zeitschriften setzte neue Standards in der Unter­haltungsindustrie. Seit 1952 erscheint in Deutschland die Zeitschrift „Micky Maus“. Die Geschichten der Mäuse, Enten, Schweine, Wölfe, Gänse und anderen Getiers waren in der Adenauerzeit sicher vom Feinsten, was die Comicwelt zu bieten hatte. Hoch war allerdings auch ihr Preis: 75 Pfennig! Das konnten sich nur Mittelschichtkinder leisten – oft in harten Auseinandersetzungen mit ihren Eltern, die um deren Gedankenwelt fürchteten. Das hielt die Kinder freilich nicht davon ab, 1968 aufzubegehren.

Echter Disney-Städtebau in Celebration, Florida

Seit 1955 erfreut ein weiteres Produkt viele Familien in den USA: Disneyland in Anaheim bei Los Angeles. Dort kann man dreidimensional erleben, was Disney auszeichnet: eine perfekte Inszenierung magischer Räume samt kleinstädtischer, autofreier Main Street, Town Square und Märchenschloss. Allerdings fehlt hier der schräge, kritische Pfiff, der ­manche Comics auszeichnete, und die allzu glatte Perfektion wird durch eine harte Arbeitsorganisation gewährleistet. 1971 eröff­nete Disneyworld in Orlando, 1983 Disneyland Tokyo und 1992 Disneyland Paris. In den Themenparks treffen sich soziale Schichten und Ethnien in friedlicher Eintracht. Die Maus ist international, der Disney-Konzern ist ein Vorreiter der Globalisierung.

Doch der Konzern ging noch einen Schritt weiter und gründete 1994 eine neue Stadt – nicht als Themenpark, sondern als Modellstadt des neuen Jahrhunderts: Celebration bei Orlando in Florida. Celebration wurde auf 25 000 Einwohner angelegt – auf Grundlage eines Masterplans der Stararchitekten Robert Stern und Jaquelin Robertson. Besonders spektakulär ist das Zentrum von Celebration, das als Erstes gebaut wurde – eine Priorität, die sich nur ein finanzstarker Großkonzern leisten kann. Disney hat für seine Zentrumsbauten auch gleich Spitzenarchitekten verpflichtet, so etwa Philip Johnson, Charles Moore, Robert Venturi und Denise Scott Brown, Cesar Pelli und Michael Graves. Am Rande von Celebration wurde durch Aldo ­Rossi ein Bürozentrum entworfen: Celebra­tion Place. Das Gesundheitszentrum geht auf ­einen Entwurf von Robert Stern zurück, das Haus des Golfclubs auf einen Entwurf von ­Jaquelin Robertson.

Falsche Vorwürfe aus Europa

In deutschen Architekturkreisen wurde Celebration verteufelt. Zuallererst natürlich die ­Architektur – und zwar bezeichnenderweise nicht die besondere der großen Architekten, sondern die allgemeine Architektur des Alltags, der Bewohner. Dem Städtchen wurde auch immer wieder vorgeworfen, eine „gated community“ zu sein – eine schlichte Unwahrheit. Auch der Vorwurf, es sei nur eine Stadt für weiße Reiche, ist überzogen – gehört es doch gerade zum Image des Disney-Konzerns, für „alle“ da zu sein. Die Spanne zwischen billigster und teuerster Immobilie ist durchaus größer als bei vielen Großprojekten in Europa. Das gilt auch für die ethnische Mischung.

Stadtidylle von Stararchitekten wie hier der Aussichtsturm von Charles Moore

Schließlich wurde Celebration vorgeworfen, eine Stadt ohne Demokratie zu sein, ohne Bürgermeister, ohne Rathaus. Dabei wird gerne übersehen, dass Celebration – wie andere Projekte auch – zunächst durch die Eigentümergesellschaft mitregiert wird und dass – wie bei anderen Projekten auch – zu erwarten ist, dass Celebration eines Tages eine richtige Kommune wird. Die Beschwerden der Bewohner von Celebration waren freilich zunächst anderer Art: Sie kritisierten Baumängel, die auf eine überhastete Baustrategie zurückzuführen waren, und sie kritisierten die von Disney geplante Schulreform, die offenbar als zu fortschrittlich betrachtet wurde. Es war gerade die erwartete Perfektion, die vermisst wurde. Celebration ist sicher nicht die Lösung der Probleme der Stadt des 21. Jahrhunderts. Es ist aber eine von vielen Antworten auf den amerikanischen Sprawl, und man sollte schon etwas genauer hinsehen.

Das ist doch Disney? Mit diesem Spruch wird jede Auseinandersetzung beendet, bevor sie überhaupt erst begonnen hat. Und außerhalb von Architektenkreisen wird man oft nur Kopfschütteln ernten. Sagt dieser Spruch nicht mehr über die Diskussionskultur desjenigen aus, der diesen Satz hinausposaunt, als über die Realität, die er damit als geklärt ­definieren will? Ignoriert er nicht die gra­vierenden Unterschiede zwischen spaßig ­gemeinten Miniatur-Neuschwansteins, ernst gemeintem Kitsch, mehr oder weniger sorgfältigem Neotraditionalismus und Rekonstruk­tionsprojekten, bei denen Standort, Maßstab, Fassadenmaterial und -gestaltung eins zu eins dem verschwundenen Vorbild entsprechen? Ist das nicht ein etwas zu grober und daher unglaubwürdiger Rundumschlag? Schwingt hier nicht auch eine Prise pauschaler Anti-Amerikanismus, Anti-Popkultur und Familienfeindlichkeit mit? Der magische Realismus der Disney-Produkte, aber auch andere Produkte, die mit dem Spruch lächerlich gemacht werden sollen, bedarf einer etwas fundierteren Kritik, will sich die Architektenschaft nicht selbst ein Bein stellen.

Professor Dr. Harald Bodenschatz lehrt Architektursoziologie an der TU Berlin.

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