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[ Kammerbeiträge ]

Geldfragen

Wozu sind Kammerbeiträge gut – und wie kann man sie beeinflussen?

Zusammenfassung: Roland Stimpel

Leser haben uns Fragen, Anregungen und Kritik zu den Kammerbeiträgen übermittelt. Wir haben zwei Geschäftsführer von Landeskammern um Antworten gebeten: Hans Dieterle aus Baden-Württemberg und Florian Kommer aus Bremen.

Warum muss ich überhaupt Kammermitglied sein?

Dieterle: Nur als Kammermitglied dürfen Sie den Titel Stadtplaner, Landschafts-, Innen-, Architekt beziehungsweise Architektin führen und haben die jeweils korrespondierende Bauvorlageberechtigung. Das ist gesetzlich festgelegt und dient dem Verbraucherschutz. Es schützt aber auch die Architekten vor unqualifizierter Konkurrenz.
Kommer: Kammern bieten zahlreiche Leistungen, von denen alle Architekten profitieren, zum Beispiel den Einsatz für berufspolitische Belange oder die Öffentlichkeitsarbeit. Das Kammersystem hat den Vorteil, dass nicht nur die einen zahlen und andere Trittbrettfahrer sind.

Wir sollten über Alternativen zu den Kammern ­nachdenken.

Dieterle: Eine Alternative wäre die völlige Liberalisierung. Jeder darf sich dann Architekt nennen und in dem Beruf tätig werden. Wer das will, muss sich über die Folgen für Bauqualität, Baukultur, Verbraucherschutz und den Berufsstand selbst im Klaren sein. Die zweite Alternative wäre die Regulierung durch eine Behörde statt durch die Selbstverwaltung der Architekten. Dann wäre die Regulierung möglicherweise stärker rechtlich orientiert, hätte aber weniger berufsständische Fachkunde. Und sie wäre genauso wenig umsonst wie bei uns.
Kommer:Viele Aufgaben können nur Kammern leisten, andere können sie besser bewältigen als andere Institutionen. Wir vermitteln zum Beispiel in Einzelfällen bei Streitigkeiten mit Bauherren. Wir achten auf kollegiales Verhalten und würden einschreiten, wenn sich ein Architekt in das Projekt eines anderen hineindrängen wollte. Wenn Gesetze und Verordnungen beraten werden, sind wir ein Träger öffentlicher Belange und müssen angehört werden. Hier haben wir ein hohes Gewicht, weil unsere Standpunkte zuvor intern geklärt sind und die Interessen der Architektenschaft insgesamt widerspiegeln, nicht nur die einzelner Gruppen oder Personen. Nicht zuletzt sind wir eine Verbraucherschutzorganisation, setzen uns für Baukultur und gebaute Umwelt ein.

Wer legt eigentlich die Gebühren fest?

Dieterle: Die Mitgliedsbeiträge und die Gebühren für Einzelleistungen werden vom Berufsstand selbst festgelegt, in Baden-Württemberg von der gewählten Landesvertreterversammlung. Die Architektenschaft bestimmt also selbst darüber, welche Leistungen sie von ihren Kammern erwartet und was sie dafür aufwenden will.
Kommer: Bei uns macht das ganz basisdemokratisch die jährliche Kammerversammlung. Jedes Mitglied kann hingehen und ist stimmberechtigt. Wir würden uns übrigens freuen, wenn noch mehr Mitglieder kämen.

Ich verdiene sehr wenig; gemessen daran finde ich den Beitrag viel zu hoch.

Dieterle: In Baden-Württemberg weisen wir auf jedem Bescheid deutlich darauf hin, dass der Beitrag ermäßigt werden kann. Wer als Selbstständiger Einkünfte unter 24 000 Euro, bei Angestellten unter 18 000 Euro im Jahr hat, zahlt nur die Hälfte. Das nehmen von unseren 22 000 Mitgliedern etwa 2 400 in Anspruch.
Kommer: In Bremen sind die Beiträge noch stärker gestaffelt: Es gibt für freischaffende Mitglieder beispielsweise fünf Stufen, die von 130 bis 1 060 Euro Jahresbeitrag gehen. Sie stehen in Abhängigkeit von den Nettohonorarumsätzen zwischen 20 000 und 200 000 Euro im Jahr. Als Reaktion auf die schlechte wirtschaftliche Lage haben wir vor einigen Jahren eine zusätzliche Beitragsstufe im unteren ­Bereich eingeführt. Wer seinen Umsatz nicht angeben will, zahlt automatisch den Höchstbeitrag. Das Ganze macht enormen Verwaltungsaufwand, um die Nachweise zu überprüfen oder an fehlende zu erinnern. Aber für uns als kleine Kammer ist dieser Verwaltungsaufwand noch handhabbar.

Ich verdiene fast nichts und muss trotzdem zahlen.

Kommer: Da gehen wir individuell auf die Mitglieder ein; dies lässt unsere Beitragsordnung zu. Wir sehen die Kammer als Solidargemeinschaft und sind gerade in Beitragsfragen hoch sensibel. Es gilt aber ­immer das Prinzip der Gleichbehandlung; Willkürentscheidungen können wir nicht treffen.
Dieterle: In Härtefällen wie Krankheit oder extremen Verpflichtungen gegenüber Angehörigen kann der Beitrag sogar auf bis zu 12,5 Prozent des normalen Satzes für freiberufliche Architekten reduziert werden. Bei akuten Engpässen sind darüber hinaus auch Stundung oder Ratenzahlungen möglich.

Ich habe Büros in zwei Bundesländern. Warum muss ich ­zweimal Beiträge zahlen?

Dieterle: Jeder Architekt muss dort Kammermitglied werden, wo er ein Büro ubetreibt, denn jeder profitiert von den Leistungen der Kammer dieses Landes. Das ist unser föderales System. Die Pflichtmitgliedschaft ist stets unabhängig davon, ob er bereits Mitglied einer anderen Kammer ist.
Kommer: Das bringt ja auch echte Vorteile. Sie haben überall da ortsnahen Kammerservice, wo Sie mit einem Büro tätig sind. Und Sie genießen mit mehreren Bürostandorten Wettbewerbsvorteile am Markt.

Wie läuft es mit ausländischen Architekten, die in Deutschland tätig sind?

Dieterle: Auch sie müssen Mitglied werden, wenn sie hier ein Büro haben.
Kommer: Manche staunen dann, was ihnen die Berufsorganisation ­alles bietet. Das kennen sie von daheim oft nicht.

Wie läuft es, wenn ich im Ausland arbeite?

Dieterle: Sie müssen bei uns Mitglied bleiben, wenn Sie hier weiterhin auch ein Büro haben oder wenn Sie in den Genuss unserer Altersversorgung kommen wollen.
Kommer: Wir haben ein Mitglied in Shanghai. Der Beitragsnachweis ist etwas aufwendiger, aber der Mann will Mitglied bleiben. Wegen des Versorgungswerks und weil er eines Tages zurückkommen und dann hier ohne Neuzulassung wieder anfangen will.

Wie haben sich die Beiträge in den letzten Jahren entwickelt?

Dieterle: Unsere Landesvertreterversammlung entscheidet im vierjährigen Turnus über Beitragsänderungen. 2006 hat sie nach vier Jahren Stillstand eine Erhöhung um 3,8 Prozent beschlossen, während die Preise zugleich um knapp sieben Prozent gestiegen waren. 2002 hatte es eine Er­höhung um 17 Prozent gegeben, weil die Landesvertreterversammlung eine Initiative zur Öffentlichkeitsarbeit ­beschlossen hatte.
Kommer: Die Kammerversammlung entscheidet jährlich über die Festsetzung der Beiträge. Die letzte Beitragserhöhung wurde 1999 beschlossen. 2002 wiederum wurde eine neue niedrigere Mindestbeitragsstufe eingeführt, um Büros mit Nettoumsätzen unter 20 000 Euro gerecht zu werden.

Was bieten mir die Kammern für mein gutes Geld?

Dieterle: Zunächst den Schutz des Berufsstands und des Titels. Hinzu kommen zahlreiche Serviceleistungen wie das Versorgungswerk, die Rechtsberatung mit bei uns vier in Architektenrecht kundigen Anwälten, die Beratung in Fragen von Techniken und Normen durch drei Architekten, Rahmenverträge zur Berufshaftpflicht- und Krankenversicherung, unsere 150 Merkblätter und Broschüren zu verschiedensten Themen, das „Deutsche Architektenblatt“ und nicht zuletzt die Vertretung der Interessen des Berufstandes gegenüber dem Gesetzgeber. Bei unserer jüngsten Umfrage im Juni haben übrigens 52 Prozent der Architekten unsere Arbeit als „sehr gut“ oder „eher gut“ bewertet, nur 11 Prozent als „eher schlecht“, der Rest war unentschieden. Für eine Organisation mit Pflichtmitgliedschaft finde ich das sehr ordentlich.
Kommer: Ich nenne nur die Stichworte Fortbildung, Öffentlichkeitsarbeit und Qualifizierung. Wir wollen ja nicht die Mitglieder quälen, sondern da aktiv werden, wo ihnen etwas unter den Nägeln brennt.

Könnte mir die Kammer nicht auch Aufträge verschaffen?

Kommer: Die Kammer ist keine Akquisitionsagentur. Wir arbeiten aber an den Rahmenbedingungen, unter denen unsere Mitglieder auskömmlich arbeiten sollen. Hierzu zählt unser Einsatz für eine dringend zu novellierende ­HOAI oder auch das Werben bei Bauherren für mehr reguläre Wettbewerbsverfahren. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass der Kompetenz von Architekten bei Gesetzgebungsverfahren besonders Rechnung getragen wird, zum Beispiel in der energetischen Planung oder bei Fragen des Brandschutzes.

Wie kann ich Beitragshöhe und -verwendung beeinflussen?

Kommer: Kammern bieten viele Möglichkeiten der Mitwirkung. Sie sind flach und sehr flexibel organisiert und leben Basisdemokratie. Das Prinzip der Eigenverwaltung und Eigenverantwortlichkeit ist für uns ein hohes Gut.
Dieterle: Gehen Sie zur Wahl oder noch besser, lassen Sie sich wählen! Wir schreiben vor der Wahl jedes Mitglied persönlich an und fordern zu Wahl und Kandidatur auf. Engagieren Sie sich in den Kammergremien. Ganz unmittelbar können Sie in der Landesvertreterversammlung über die Beitragshöhe und die Grundzüge der Verwendung ­abstimmen.

Mein Kollege im Nachbarbundesland verdient so viel wie ich, zahlt aber einen ganz anderen Beitrag. Warum?

Dieterle: Die Beitragshöhe hängt erstens vom Leistungsspektrum ab, für das sich die Kammergremien in den einzelnen Ländern entschieden haben. Sie haben aber auch mit der Größe der Kammer zu tun. Gewisse Fixkosten gibt es immer; sie können in größeren Kammern auf mehr Schultern verteilt werden.
Kommer: In der Tat sind die Beiträge in kleineren Kammern manchmal zwangsläufig höher. Dafür sind die ­Wege oft kürzer und der direkte Kontakt zwischen Kammermitglied, Geschäftsstelle und Gremien ist besonders groß. Einen Großteil unserer 1 100 Mitglieder kenne ich persönlich.

Können Kammern bei sich einsparen oder rationalisieren?

Dieterle: Wir haben in jüngerer Zeit fast nur noch Stellen abgebaut. Die letzte Stelle, die wir neu geschaffen haben, war die eines Referenten für Vergabe und Wettbewerbe – nach einem entsprechenden Beschluss der gewählten Landesvertreter. Ansonsten rationalisieren wir, wo möglich, beispielsweise mithilfe moderner EDV. Wir bieten aber auch Serviceleistungen gemeinsam an: das BKI – Baukosteninformationszentrum – als gemeinsame Tochter aller Länderkammern oder die HoefA – Honorareinzugsstelle für Architekten –, die von Baden-Württemberg initiiert wurde und mittlerweile von weiteren Kammern zur Unterstützung ihrer jeweiligen Mitglieder genutzt wird. Es gibt ein gemeinsames Internet-Portal aller Weiterbildungseinrichtungen. Publikationen werden viel stärker ab­gestimmt, sodass nicht 16 Kammern 16 verschiedene Bauherren­broschüren erstellen.
Kommer: Wir haben fünf Angestellte, davon drei in Teilzeit; da lässt sich nur noch wenig rationalisieren. Bei den Inhalten nutzen wir aber alle Gelegenheiten. So geben die Architekten- und Ingenieurkammern Bremens und Niedersachsens seit Anfang 2007 eine gemeinsame Publikation mit dem Fort- und Weiterbildungsprogramm heraus.

Können Kammern nicht auch fusionieren?

Dieterle: Das könnten wir nicht allein beschließen – es müssten entsprechende Gesetze geändert werden. In Schleswig-Holstein hat der Landesgesetzgeber von Anfang an eine gemeinsame Architekten- und Ingenieurkammer eingerichtet. In Baden-Württemberg ist im vergangenen Jahr ein Fusionsvorhaben praktisch auf den letzten Metern aufgrund eines ablehnenden Votums der Ingenieurversammlung gescheitert. In einigen Ländern gibt es gemeinsame Geschäftsstellen. Eine ­Fusion von Architektenkammern über die Landesgrenzen hinweg wäre sicher ein Politikum, da hier die föderale Eigenständigkeit der Bundesländer berührt wäre.
Kommer: Bei Fusionen wäre ich skeptisch: Man sollte die Identitäten der Kammern wahren; die jeweilige Landespolitik braucht Ansprechpartner vor Ort.

Wozu gibt es Landeskammern und dann noch eine Bundeskammer?

Kommer: Gerade wir als kleine Kammer sind auf die Bundesarchitektenkammer angewiesen. Wir haben nicht die Kapazität und Fachkenntnis, um uns auch noch ständig um bundes- und europapolitische ­Fragen zu kümmern. Dafür gibt es in der Bundesarchitektenkammer sehr kompetente Leute, die durch die Kompetenz in den Ländern ­unterstützt werden.
Dieterle: Landeskammern gibt es, weil Architektur ein Teil der Kultur ist und darum nach dem Grundgesetz Ländersache – also auch in den Ländern geregelt werden muss. Aber wir leben im 21. Jahrhundert; viele Entscheidungen werden in Berlin und Brüssel getroffen. In Brüssel sind die deutschen Architekten so übrigens als Einzige aus der EU mit eigener Geschäftsstelle vertreten. Die Arbeit der BAK in Berlin und Brüssel ist sehr wichtig und sehr gut. Unseren Beitrag zur Finanzierung leisten wir deshalb gern.

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