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[ Dreikönigshof Mainz ]

Enge im Dreikönigshof

Urbane Dichte tut gut – solange die Bewohner sie akzeptieren. Ein Projekt in Mainz zeigt die Grenzen.

Durchblicke: Spalten zwischen den einzelnen Teilen des Dreikönigshof-Komplexes schaffen Blickbeziehungen zwischen Straßenraum und Höfen.

Christof Bodenbach

Die Stadt Mainz wächst. Wohnraum ist knapp, begehrt und teuer; neue Stadtteile am Wasser, am Zoll- und am Winterhafen werden derzeit geplant. Wohnungsbau hat also Zukunft am Rhein. Erkannt hat dies auch die mehrheitlich stadteigene Wohnbau Mainz GmbH, die schon seit Langem immer wieder ungewöhnliche Wege im Wohnungsbau geht. Im Jahr 2000 führte sie ein Gutachterverfahren zur Bebauung eines attraktiven zentralen Areals auf einer Hochterrasse über der Altstadt durch, das zuvor Standort eines Textilgroßhandels war. Die Wohnbau lud zwölf Architekturbüros aus Deutschland, Italien und der Schweiz ein, darunter so bekannte Namen wie Otto Steidle, Massimiliano Fuksas und Morger & Degelo.

Das Konzept des renommierten „Atelier 5“ aus Bern, die ein modulares System quadratischer Gebäudekuben und Höfe vorschlugen, überzeugte den Bauherrn. Die Schweizer wurden mit der Entwurfsplanung beauftragt; das Mainzer Büro Kirstein + Rischmann übernahm die Ausführungsplanung, die ebenfalls ortsansässigen Landschaftsarchitekten Adler + Olesch planten die Außenanlagen. 90 hochwertig ausgestattete Eigentumswohnungen mit zwei oder drei Zimmern und 75 bis 150 Quadratmetern sind so entstanden. Sie sind organisiert als „Atelier-“ oder Geschosswohnungen, als Maisonetten oder Quasireihenhäuser und sind über sogenannte Klosterhöfe und Laubengänge erschlossen. Ergänzt werden sie durch Gewerbemietflächen an der Martinsstraße und einen Kubus mit Arztpraxen am neuen Martinsplatz. Dieser wertet als öffentlicher Raum auch das angrenzende Bestandsquartier auf.

Einblicke: Besonnung und Belichtung im größeren der beiden Innenhöfe sind zwar auch in den Wohnungen unten gut, doch der Blickkontakt von Fester zu Fenster ist manchem zu eng.

Fast zwei Jahre

nach Fertigstellung des anspruchsvollen Ensembles muss man bei der Beurteilung des „Dreikönigshofs“ stark differenzieren. Die architektonische Qualität der Wohn- und Gewerbeanlage mit ihrer virtuosen Tiefen- und Höhenstaffelung, den schiefergrau eingefärbten Rahmen aus Betonfertigteilen und den roten Sonnenschutzelementen ist unbestreitbar hoch. Auf Anhieb überzeugt auch die Verknüpfung der Gebäudestruktur mit dem privaten und öffentlichen Außenraum; vor allem die am Kreuzgang der benachbarten gotischen St.-Stephans-Kirche geschulten inneren Höfe beeindrucken. Ebenso gelungen ist die Einbeziehung der denkmalgeschützten Schöfferhofbrauerei. Doch schon die Grundrisse machen nachdenklich: Sie scheinen allzu oft an den vermeintlichen Bedürfnissen eines von Singles und „Dinks“ dominierten Immobilienmarktes orientiert. Das von „Atelier 5“ gewohnte Niveau – Stichwort „Siedlung Halen“ – erreichen sie nicht.

Ausblicke: Die Hofperspektive reicht nicht weit. Untere Wohnungen sind schwieriger zu vermarkten.

Der Leerstand ist noch immer hoch. Das dürfte mit der für deutsche Verhältnisse extrem hohen Dichte mit einer Geschossflächenzahl von nahezu 3,0 zu tun haben. Spaziert man an einem ­sonnig-warmen Herbstsonntag 2007 durch die weithin unbelebten Höfe und Gassen, kommt der Verdacht auf, dass diese Dichte im Verbund mit den relativ hohen Quadratmeterpreisen zu viele potenziell Interessierte abschreckt. Hinzu kommen die in den unteren Geschossen selbst bei Sonnenschein recht dunklen Innenbereiche und die im Detail nicht durchgängig überzeugende Ausführungsqualität.

Insgesamt acht Arbeiten

wurden beim renommierten „Architekturpreis Zukunft Wohnen“ des Bundesverbandes der Deutschen Zementindustrie in diesem Jahr prämiert. Sie zeichneten sich laut Jury unter anderem dadurch aus, dass die von vielen Menschen angestrebten Wohnqualitäten des Einfamilienhauses auch in mehrgeschossigen verdichteten Gebäuden in der Stadt angeboten werden. Der „Dreikönigshof“ erhielt eine der drei lobenden Erwähnungen, die Juroren unter Vorsitz von Thomas Jocher aus München attestierten dem Projekt „angemessene Privatheit“ trotz „geradezu atemberaubender Dichte“. Doch die Interessenten auf dem durchaus angespannten Mainzer Wohnimmobilienmarkt scheinen das bislang mehrheitlich anders zu sehen.