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[ Architekt ohne Grenzen ]

Über die Große Mauer

Ein Flugzeug zu besteigen und in China an einem Entwurf für ein Bürohochhaus zu arbeiten, ist spannend – sofern man mit den Eigenheiten der chinesischen Mentalität umzugehen weiß.

Niels Vauth, Michael Sauer, Malte Diers

Malte Diers, Michael Sauer und Niels Vauth hatten bereits Projekte in China betreut. Diese Erfahrungen nutzten sie als Sprungbrett, als sie 2005 ihr eigenes Büro Scape Architektur & Stadtplanung gründeten.

Vertrauen schaffen

Der chinesische Markt ist im Allgemeinen für jeden freischaffenden Architekten zugänglich. Es gibt aber Präferenzen seitens der Auftraggeber bezüglich der Herkunft des Planers. Deutsche sind aufgrund der deutschen Architekturgeschichte in China gern gesehen. Bis heute werden unter anderem die deutschen Leistungen während der Kolonialzeit am Beispiel der Stadt Tsingtao gelobt. Der Ruf, der uns Architekten deshalb vorauseilt, bildet eine gute Grundlage. Das allein reicht allerdings nicht aus.

TangDu-Hospital: Das Großprojekt am Rande der Millionenstadt Xi‘an.

Um auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen, sollte man sich mit den landestypischen Eigenarten beschäftigt haben und Kontakte zu potenziellen Auftraggebern aufgebaut haben. Da wir als Planer bereits einige Jahre in China gearbeitet hatten, war unsere Ausgangsposition schon günstiger als die eines Büros, das ganz neu in diesem Land starten will.

Ein wichtiger Grundstein für das erfolgreiche Arbeiten mit chinesischen Partnern und Auftraggebern ist für uns die praktische Erfahrung mit der Arbeitsweise und den Verhandlungsstrategien. Ebenso der persönliche Kontakt zu den Entscheidungsträgern sowie
das uns entgegengebrachte Vertrauen. Besonders wichtig ist stets der Erstkontakt. Obwohl man als angestellter Architekt bei Präsentationen und Besprechungen in China als Mitarbeiter eines Büros wahrgenommen wird, verbinden die Auftraggeber die erbrachte Leistung in erster Linie nicht mit dem Büro, sondern mit der Person. Zwischen dem Auftraggeber und dem Projekt- oder Büroleiter entsteht ein besonderes Vertrauensverhältnis, sodass der einzelne Mitarbeiter zu einem wichtigen und nur schwer austauschbaren Bindeglied zwischen dem Büro und dessen Klienten wird.

Kontakte und Kosten

Viele Kollegen fragen uns nach der Höhe der Investitionen, die ein Büro aufbringen muss, um dort erfolgreich Projekte zu akquirieren und zu bearbeiten. Und viele schreckt dies zunächst davon ab, den Schritt nach China zu wagen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass eine Vorkalkulation generell schwierig ist und die Kosten durch die aufwendigen Planungsverfahren schnell explodieren können.

Bis ein Bauherr sich zum Beispiel entscheidet, sind in der Regel mehrere Änderungen erforderlich – und die Kosten für die Präsentation entsprechend hoch. Die Vergabe von Aufträgen wird sehr oft über Wettbewerbe entschieden, die in den meisten Fällen mit einem Aufwandshonorar kompensiert werden. Da die Teilnehmerzahl oft auf nur wenige Büros beschränkt ist, ist die Chance, über einen Wettbewerb einen Auftrag zu erhalten, relativ hoch. Schwieriger ist es, überhaupt zu einem Wettbewerb eingeladen zu werden. Hier ist man auf bestehende Kontakte oder Empfehlungen angewiesen. Wer diese Kontakte noch nicht hat, muss damit rechnen, mehrere Monate erfolglos durchs Land zu reisen.

Ist der erste Schritt geschafft und ein Projekt akquiriert, sollte eine Person vor Ort das Büro repräsentieren und den ständigen Kontakt zu den Auftraggebern halten. Ohne diese Unterstüt-zung ist die Projektbearbeitung schwierig und die Vertragsverhandlungen sowie der Prozess der Honorarzahlungen problematisch. Auch die persönliche Anwesenheit ist je nach Umfang des Projektes besonders wichtig. Wir kalkulieren für unsere Projekte (LPH 1–4) zwei bis vier Flüge und einen Aufenthalt von jeweils sieben Tagen bis vier Wochen. In den meisten Fällen kommt man mit Englisch gut zurecht; nur bei nicht englisch sprechenden Bauherren haben auch wir in China eine Dolmetscherin.

Fehler vermeiden

Unser erstes Projekt als selbstständige Architekten war im Juli 2005 ein geladener und bezahlter Wettbewerb für die Revitalisierung eines Bürohochhauses in Peking. Für die Bearbeitung des Entwurfes erhielten wir einen vorgegebenen Zeitrahmen von 14 Tagen. Wir planten, den Wettbewerb von Deutschland aus zu bearbeiten und erst zur Präsentation nach Peking zu reisen. Fünf Tage nach Wettbewerbsbeginn erhielten wir die Nachricht, dass der Auslober unser Büro und den verantwortlichen Entwurfsarchitekten gerne kennen lernen möchte. Dazu sollten wir vor Abgabe der Wettbewerbsunterlagen zu einem Geschäftsessen nach Peking kommen. Wir haben diese Einladung aus zeitlichen Gründen abgelehnt – ein großer Fehler, wie sich später herausstellen sollte.

Einen Tag nach der Präsentation unserer Arbeit in Peking erhielten wir die Nachricht, dass die Jury unseren Entwurf favorisierte. Am Tag darauf erfuhren wir, dass unser Entwurf nur den zweiten Platz belegt hatte und dass wir somit nicht mit weiteren Planungsleistungen beauftragt würden. Als Begründung diente ein planungsrechtlicher Mangel unseres Fassadenentwurfs. Wir hatten die zulässige Gebäudehöhe um 1,50 Meter überschritten – bei einer Gebäudehöhe von über 100 Metern. Später erfuhren wir, dass dieser Fehler nicht der Hauptgrund für die Entscheidung war. Vielmehr war das für den Auftraggeber unverständliche Ablehnen seiner Einladung durch uns daran schuld.

Das Bauvorhaben umfasst ein Klinikgebäude, ein Reha-Center und ein Hotel.

Erfolg im zweiten Anlauf

Unseren zweiten Auftrag erhielten wir im September 2005 von einem großen Immobilienentwickler. Die Aufgabe bestand in der städtebaulichen Planung eines Wohn- und Geschäftsquartiers in der Stadt Nanning mit einer Bruttogeschossfläche von 280 000 Quadratmetern. Trotz der hohen Geschossflächenzahl gelang uns eine Bebauung mit Gebäuden geringer Höhe und eine Struktur, die das Areal in unterschiedliche und überschaubare Quartiere ordnet. Die Idee, durch maßvolle Gebäudevolumen und Außenräume besonders auf die Lebensqualität innerhalb der einzelnen Quartiere zu achten, gefiel dem Auftraggeber. Er erkannte, dass sich ein solches Konzept besonders gut vermarkten ließe, und forderte uns daraufhin auf, die Bruttogeschossfläche um 40 Prozent zu erhöhen. Die vier- bis sechsgeschossigen Wohngebäude sollten länger und die Anzahl der Geschosse auf acht bis zwölf verdoppelt werden. Wir waren zunächst sprachlos. Da wir unsere Planung nach den neuen Flächenvorgaben ohne eine entsprechende finanzielle Kompensation überarbeiten sollten, lehnten wir den Auftrag ab. Unser selbstbewusstes und konsequentes Auftreten hat in diesem Fall keinen negativen Eindruck hinterlassen. Bereits einige Wochen später wurden wir mit einer Fassadenplanung beauftragt. Im Oktober 2006 erhielten wir dann sogar den Auftrag für die städtebauliche Konzept- und Genehmigungsplanung eines Wohnquartiers mit einer Bruttogeschossfläche von 500 000 Quadratmetern. Seit der Genehmigung des Masterplans im Dezember 2006 bearbeiten wir weitere Entwurfsaufgaben im Rahmen des ersten Bauabschnitts.

Ideenklau

Leider sind auch wir bei unserer Arbeit in China nicht von dem lockeren Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer verschont geblieben. Nach einigen Wochen Arbeit am Wettbewerb für den Neubau des Finanzministeriums in Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei, und einer einstündigen Präsentation vor rund 90 Personen des chinesischen Staatsapparats wurde uns noch am selben Abend zum ersten Platz für unseren Entwurf gratuliert. Die im Vertrag angekündigte weitere Bearbeitung des Entwurfs zögerte sich trotz der Auszahlung des Preisgeldes immer weiter hinaus.

Nach wiederholten Anfragen bezüglich weiterführender Vertragsverhandlungen wurde uns dann mitgeteilt, dass unser Entwurf für die Stadt Hohhot doch etwas zu modern sei und dass daher die Arbeit eines chinesischen Designinstituts aus Peking zur weiteren Bearbeitung ausgewählt wurde. Dieser Entwurf lag nach der Bekanntgabe der Wettbewerbsergebnisse auf dem neunten Platz von insgesamt zehn eingereichten Arbeiten.
Einige Monate später sahen wir rein zufällig den überarbeiteten Entwurf für das Finanzministerium und waren von den starken Parallelen zu unserem Wettbewerbsbeitrag doch sehr überrascht. Von dem ursprünglichen Entwurf des Pekinger Designinstituts, das wie viele andere auch staatlich organisiert ist, war nicht mehr viel zu erkennen.

„Rhizome Village“: Masterplan von Scape Architektur & Stadtplanung für ein Geschäfts- und Wohnquartier in der Stadt Nanning.

Entspannte Kooperation

Seit einigen Monaten kooperieren wir mit einem chinesischen Büro, das im Gegensatz zu den großen Generalplanungsinstituten als unabhängiges Planungsbüro auftritt. Es wurde erst vor einigen Jahren gegründet. Die Bürogründer haben sowohl in China als auch in Europa studiert und haben neben ihrer Kenntnis des eigenen Landes, seiner Kultur und Tradition ein Verständnis für die europäische Architektur entwickelt. Bei der Zusammenarbeit mit unserem chinesischen Partnerbüro konnten wir einen deutlichen Unterschied zu den Generalplanungsinstituten feststellen, mit denen wir in der Vergangenheit häufig konfrontiert wurden.

Bei den Instituten haben wir uns oft mit Unverständnis, mangelnder Entscheidungsfähigkeit und Hierarchiegerangel auseinandersetzen müssen. Die Bürostrukturen unseres derzeitigen chinesischen Partners sind mit denen in Europa durchaus vergleichbar. Bei den Projekten, die wir in den vergangenen Monaten gemeinsam bearbeitet haben, hatten wir zum ersten Mal das Gefühl, mit Kollegen erfolgreich ein Projekt zu betreuen und nicht der Trägheit eines Generalplanungsinstituts entgegenwirken zu müssen.

China war die Grundlage unserer Selbstständigkeit und bildet fast zwei Jahre nach der Gründung unseres Büros immer noch ein wesentliches Projektpotenzial. Auch wenn es in der Vergangenheit, wie beschrieben, die eine oder andere Ernüchterung oder Überraschung gab, so können wir dennoch eine positive Bilanz ziehen. Jeder Auftrag, den wir bislang für chinesische Auftraggeber erstellt haben, wurde früher oder später vertragsgemäß bezahlt, auch wenn sich mancher Zahlungsprozess langwierig, zeit- und nervenaufreibend gestaltete.

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