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Neubau eines Horts

Platte und Wabe: Der neue Hort bietet ein architektonisches Kontrastprogramm zum DDR-Plattenbau, den die Schule für den Unterricht reaktivierte. (Klicken für mehr Bilder)

[ Ökologische Ergänzung ]

Holz, Lehm und Stroh: Waldorfschule im Plattenbau

Wie eine Waldorfschule und ein junges Architekturbüro eine Plattenbau-Schule reaktivieren und mit ökologischen Baumaterialien um einen Hort ergänzen.

Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Erhalten und erweitern“ in einer Kurzfassung im Deutschen Architektenblatt 05.2020 erschienen.

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Von Gregor Harbusch

Ganzheitlichkeit ist ein zentrales Konzept in den Theorien Rudolf Steiners, das viel mit den esoterischen Wurzeln der Anthroposophie zu tun hat. Doch ganzheitliches Denken ist auch problemlos anschlussfähig für den zeitgenössischen Nachhaltigkeitsdiskurs. Denn in beiden Fällen geht es letztlich darum, Partikularitäten zu überwinden, um systemische Zusammenhänge zu verstehen. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass die Natur in Theorie und Praxis der Anthroposophie eine entscheidende Rolle spielt, scheint es mehr als logisch, dass anthroposophische Institutionen als ökologisch und nachhaltig planende Bauherren wichtige Beiträge in der aktuellen Architekturdebatte liefern können. Geradezu paradigmatisch sieht man dies an der Freien Waldorfschule am Prenzlauer Berg im Nordosten Berlins.

Standard-Plattenbau wird reaktiviert

2011 bezog die Schule ihren jetzigen Standort direkt an der westlichen Ecke des Jüdischen Friedhofs Weißensee. Auf der Suche nach mehr Platz hatte die 2006 als Elterninitiative gegründete Schule einen einhüftigen, fünfgeschossigen Plattenbau Typ Berlin SK gekauft und diesen anschließend von Schadstoffen befreien und baulich herrichten lassen. Statt Neubau also pragmatische Neunutzung einer ehemaligen Typenschule aus der DDR – die man vom pädagogischen Konzept bis zum konstruktiven Detail als das absolute Gegenteil der Steiner’schen Vorstellungen begreifen kann.

So gewagt der Erwerb des Objektes für die damals noch kleine Schulgemeinschaft auch war, so sehr wirkt die Reaktivierung des Plattenbaus wie der erste entschlossene Schritt, nachhaltig zu handeln und bewusst mit den architektonischen Ressourcen der Stadt umzugehen. Denn städtebaulich steht das Haus wie ein Gelenk zwischen großmaßstäblichen DDR-Wohnbauten und der immer etwas kleinstädtisch wirkenden Blockrand­bebauung von Weißensee. Die Aneignung und pädagogische Neuprogrammierung der Typenschule lässt sich also durchaus als eine Art Brückenschlag interpretieren.

Ein Musterbeispiel

Schnell war absehbar, dass auch der Plattenbau nicht genügend Raum für das anspruchsvolle pädagogische Programm der Institution bietet, die als einzügige Gesamtschule organisiert ist und aktuell rund 300 Lernende in zwölf Klassenstufen umfasst. Deshalb lobte die engagierte Schulgemeinschaft um die Geschäftsführerin Esther Knoblich 2014 einen Wettbewerb für ein Hortgebäude mit sechs Gruppenräumen für circa 150 Kinder aus. In einem zusätzlichen Ideenteil sollten die zwölf Teilnehmer – darunter fünf Büros aus der Elternschaft der Schule – ein umfangreiches Erweiterungskonzept skizzieren. Insbesondere ging es darum, einen Saalbau und Räume für die Oberstufe auf dem Grundstück unterzubringen.

Den Wettbewerb konnte das junge Büro MONO Architekten aus Berlin gewinnen, das von den drei Partnern Jonas Greubel, Daniel Schilp und André Schmidt erst im Vorjahr gegründet worden war. Die Architekten setzten bewusst auf architektonischen Kontrast und arbeiteten mit wabenartigen Figuren, die sie wie Baumpilze an alle Ecken des bestehenden Plattenbaus andockten.

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Anthroposophischer Hintergrund

Den Wettbewerb konnten MONO vielleicht auch aufgrund ­ihres anthroposophischen Hintergrunds gewinnen, denn Greubel und Schilp studierten Architektur an der anthroposophischen Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn. Dort wird zwar eine künstlerische Herangehensweise vermittelt, aber kein anthroposophisches Formenvokabular, wie sie betonen. Vielmehr ging es im Studium darum, zu lernen, Architektur als ein funktionierendes Ganzes zu sehen.

Kinder sitzen am Fenster in Raum mit Lehmwänden
Die Wände wurden mit Baustroh gedämmt und innen mit Lehm verputzt, in den man wiederum eine Wandheizung integrierte.

Der im Sommer 2017 eingeweihte Hort ist auf unorthodoxe Weise den Ideen der Waldorf­pädagogik verpflichtet und ein Musterbeispiel, wie nachhaltig geplant und ökologisch gebaut werden kann. Durch den wabenartig aufgebauten Grundriss, die leicht gekippten Traufkanten und die Fassade aus unbehandelten Lärchenholzbrettern unterschiedlicher Breite und Tiefe gelang MONO Architekten ein organisch bewegter Baukörper, der den kindlichen Erfahrungshorizont anspricht. Das kleinteilige Wechselspiel von Innenräumen und klar zugeordneten Außenbereichen überzeugt auch deshalb, da die gleichberechtigte Zusammenarbeit mit allen an der Planung Beteiligten – in diesem Fall das Berliner Büro gm013 Landschaftsarchitektur, das sich ebenfalls 2013 gründete – für MONO erklärtes Ziel ist.

Ein zentraler, mäandernder Flur führt vom Bestandsbau aus durch den gesamten Hort und erschließt die sechs paarweise angeordneten Gruppenräume mit ihren vorgelagerten Garderobenbereichen. Über diesen liegen wiederum die Spielgalerien der Gruppenräume, die als Rückzugsorte dienen und sich in der Dachlandschaft klar abzeichnen. Das Dach ist ein Sparrendach mit eingeblasener Zellulosedämmung. Es fungiert als begrüntes Retentionsdach, was allein schon deshalb zwingend erscheint, da alle Klassenzimmer des Bestandsbaus auf die Dachfläche blicken.

Holzständerbau mit Strohdämmung und Lehmputz

Konstruktiv ist der Hort ein vorsegmentierter Holzständerbau, der auf einer zellulosegedämmten Stahlbetonplatte steht. Die Wände wurden mit nicht lasttragendem, 36 Zentimeter dickem Baustroh gedämmt und innen vier Zentimeter stark mit Lehm verputzt, in den man wiederum eine Wandheizung integrierte. Bei den zwei langen Wänden im Kern des Baukörpers handelt es sich um eine Holzständerwand mit Lehmgranulatschüttung. Das massenträge Bauteil sorgt mit seinen guten Feuchte- und Wärmespeichereigenschaften für ein gesundes Raumklima.

Ähnlich wie bei den Lärchenholzbrettern an der Fassade entschieden sich die Architekten auch im Inneren für unbehandelte, ökologische Baumaterialien wie Lehm, geölte Kieferndielen sowie Weißtanne, deren Qualitäten man nicht nur sehen, sondern auch fühlen und im besten Fall riechen kann. Das schafft eine sinnliche Raumqualität, die gleichermaßen von architektonischen, ökologischen und pädagogischen Vorstellungen geprägt ist und die sich schließlich im Holzofen in der Mitte des Hauses – wo sich der Flur zu einem Foyer weitet und der Haupteingang liegt – zugespitzt als Ort der Versammlung manifestiert. Dass ein solches Haus weitgehend manuell und natürlich belüftet wird, versteht sich von selbst.

Niedrige Baukosten

Die Baukosten des Horts beziffern die Architekten auf 1,35 Millionen Euro brutto für die Kostengruppen 200–400. Die beiden Kostengruppen 300 und 400 schlüsseln sie nochmals genauer auf und geben 1.706 Euro brutto pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche beziehungsweise 2.392 Euro brutto pro Quadratmeter Nutzfläche an, bei 785 Quadratmetern Bruttogeschossfläche, von denen wiederum 560 Quadratmeter als Nutzfläche ausgewiesen sind. Realisierbar waren solche Kosten letztlich nur mithilfe der Tischler und Zimmerer der Knobelsdorff-Schule Oberstufenzentrum Bautechnik.

Der Ausbildungsbetrieb in Berlin-Spandau bietet sehr günstige Preise an, darf aber nur für die öffentliche Hand und gemeinnützige Träger bauen. Man müsse sich darauf einlassen, betonen die Architekten, dass statt drei Zimmerern eben zwanzig auf der Baustelle unterwegs seien, wodurch die Bauleitung anspruchsvoller werde. Aber man hofft natürlich auch, dass ein solch ambitioniertes Bauprojekt auch die Sensibilität der jungen Handwerkerinnen und Handwerker für nachhaltiges Bauen schärft. Die Elternschaft unterstützte durch Bauspenden, wurde aber nicht zu Eigenleistungen hinzugezogen.

Neue Fassade für den Plattenbau

Parallel zur Planung für den Neubau beschäftigten sich MONO Architekten auch mit der energetischen und gestalterischen Ertüchtigung der Fassaden des Altbaus. Für die beiden Längsfassaden entwarfen sie eine selbsttragende Holzständerkonstruktion mit Isolierglasfenstern, die bei laufendem Schulbetrieb vor den Bestand gestellt wurde. Hier war ökologisches Dämmmaterial aus wirtschaftlichen Gründen leider nicht möglich. Sparen musste man auch an der zur Straße orientierten Westfassade. Hier ersetzten MONO Architekten die ursprünglichen Fensterbänder durch eine spielerisch rhythmisierte Lochfassade, die an einigen Stellen mit raumhohen Fenstern überrascht. Die einhüftige Bauweise nutzten die Architekten, um auch hier ein natürliches Lüftungskonzept durchzusetzen. Die Sanierungsmaßnahmen realisierten Zierhut Architekten.

Und was wird aus Saal und Oberstufenbau, die Teil des Ideenwettbewerbs waren? Beide sollen nicht als Ergänzungen an den Bestandsbau angedockt werden. Stattdessen plant die Schule, sich auf dem Grundstück einer ehemaligen Kaufhalle quer gegenüber zu erweitern. Damit würde sie sich nochmals ein Stück weiter zum Kiez öffnen. Aktuell tut sie dies bereits durch die Freiraumplanung vor der Schule, in die gm013 ein kleines Sportfeld integrierte, das direkt von der Straße aus zugänglich ist und jederzeit von Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft benutzt werden kann. Auch das ist eine Form von nachhaltiger Planung.

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