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[ Entwicklungshilfe ]

Die Helfer

Für die Armen dieser Welt gibt es keine Architektur, höchstens Schuhschachteln? Unsinn, sagt ein junger Architekt aus dem Allgäu. Er hat ein Start-up gegründet, das mit einem neuartigen Konzept nachhaltige und soziale Architekturprojekte realisiert

Von Christoph Gunßer

Till Gröner, gerade mal Mitte dreißig, hat schon Schulen und Krankenstationen im Kongo, Mauretanien und Burkina Faso und eine (sehr ansehnliche) interreligiöse Kirche in Ruanda gebaut. Er war als Nothelfer in Somalia, Syrien und Mosambik. Doch nach zehn Jahren wollte er konzentrierter und langfristiger an ausgesuchten Orten arbeiten – und gründete 2018 seine eigene, etwas andere Hilfsorganisation.

Sein Architekturstudium an der Berliner Beuth-Hochschule hatte Till Gröner 2008 mit einer einjährigen Forschungsreise durch zehn Länder Südostasiens abgeschlossen. Ziel: nachhaltiges Bauen. Ein Erlebnis auf den Philippinen öffnete ihm die Augen: „Der Architekt eines Schnellrestaurants in einer neuen Shopping-Mall bekam einen Preis verliehen für Tische aus recycelten Getränkekartons. Dazu fuhr er mit einem schicken Jeep vor. Gleichzeitig implodierte nebenan ein Müllberg, der Smokey Mountain in Manila, und verschluckte ganze Familien.“

Bald darauf schloss sich Till Gröner den Nothelfern von Rupert Neudeck an. Der Mitgründer der Organisation Cap Anamur wurde zu seinem Vorbild und Mentor. Doch mit der Zeit stieß er immer mehr an die Grenzen solcher zeitlich befristeter Hilfseinsätze: Aus pragmatischen Gründen gibt es im Rahmen der Nothilfe kaum Platz für Architektur mit ihrem, so Till Gröner, „unendlich großen Potenzial“. Doch Gebäude könnten mehr sein als nur ein Dach über dem Kopf: „Sie können umweltfreundlich sein, aufklären, zum Vehikel für andere soziale Arbeit werden, begeistern und sich dadurch schließlich selbst finanzieren.“

Architektur als Super-Kraft

„Welchen Beitrag kann Architektur in der Entwicklungshilfe und Katastrophenarbeit leisten?“, fragte Till Gröner und gründete ein gemeinnütziges Start-up, das um junge Architekten für eine andere, kreativere Art von Hilfe wirbt: Jede(r) darf vor Ort, mithilfe der Einheimischen, ein eigenes Gebäude realisieren. „Supertecture“ taufte die 2018 entstandene Helfergruppe ihr Unternehmen. Ihr Credo lautet: Architektur als Super-Kraft sozialer und ökologischer Projekte kann der Gesellschaft Energie geben und sie so verändern.

Das Konzept basiert auf drei Ideen. Erstens: das „Ein-Zimmer-Haus“. Große, komplexe Projekte werden aufgeteilt, jeder Raum wird als individuelles Haus von einer einzigen jungen Architektin, einem Ingenieur oder einer Designerin entworfen und gebaut. Dafür wählen sie ein Hauptmaterial oder eine Technologie aus. Zweitens: das „Supertecture Hotel“. Um „nachhaltige Sozialarchitektur“ zu schaffen, wird sich in ausgewählten Dörfern langfristig engagiert. Dafür werden Hotels entwickelt und gebaut, die der Genossenschaft aller Dorfbewohner gehören und ihren Gewinn für soziale Gemeinschaftsprojekte bereitstellen. Drittens: „Wasser zu Wein“. Die lokalen Bautraditionen, Materialien und Ressourcen sollen kreativ interpretiert werden, um gut designte Architektur zu schaffen für diejenigen, die sich keine Designer-Architektur leisten können.

Die Armee wird aufmerksam

Schon das erste, von der Augsburger „Patrizia Children Foundation“ finanzierte Projekt einer Schulerweiterung in Nepal führt vor, wie das Rezept funktioniert. Jedes der vier im vorigen Jahr erbauten Klassenhäuser sieht völlig anders aus: Eines besteht aus gespendeten, in fünfzig verschiedenen Verbänden gemauerten Ziegeln, ein weiteres aus Stampflehm, das nächste aus Felsbrocken, die ein Erdbeben von den Häusern des Dorfes übrig gelassen hatte, ein weiteres nur aus alten Fenstern. In kurzen Filmen auf der Webseite erläutern die jeweiligen Macher ihr Projekt: „Warum sollten Kinder nicht schon von ihren Klassenzimmern an sich etwas lernen?“

Im kleinen Ort Dhoksan wich anfängliche Skepsis großer Begeisterung für das Architekturkonzept, und man entwickelte gemeinsam das nächste Projekt, für das eine Genossenschaft aus allen 1.000 Dorfbewohnern gegründet wurde: Die Lodge, also ein kleines Hotel, entsteht derzeit nach demselben Prinzip „Ein-Zimmer-Haus“, mit dem schönsten Himalaja-Blick weit und breit. Dort sollen Touristen und wohlhabendere Nepalesen dem Dorf zusätzliches Einkommen verschaffen, mit dem dann bald eine Krankenstation errichtet werden kann – auch mithilfe von Supertecture.

Die so ganz andere, basisnahe Entwicklungshilfe rief in der Region weitere Interessenten auf den Plan. Die Armee möchte Kurse im Bau von Stampflehmhäusern und im benachbarten Bhutan sollen die Helfer ein Frauenhaus errichten.

Langfristige Kooperation als Alleinstellungsmerkmal

Inzwischen hat Till Gröner die Benediktiner von St. Ottilien als Partner für ein ähnliches Lodge-Projekt in Tansania gewonnen. Deren Mission am Tanganjikasee tritt dafür Land ab, und das kleine, städtebaulich nach Art der Augsburger Fuggerei organisierte Hotel soll das bestehende Dorf unterstützen, das von kommerziellen Luxusanlagen bislang links liegen gelassen wird. Die einzelnen Häuser der „Architekturausstellung“ entstehen per Crowdfunding, ein bayernweiter Wettbewerb an Architekturhochschulen soll Ideen beisteuern.

Auch dieses Projekt zielt auf eine dauerhafte Zusammenarbeit. Selbstverständlich geht das nur in relativ stabilen Ländern. So will sich Supertecture vorerst auf diese zwei Standbeine konzentrieren. „Es gibt in der Architektur bislang überraschend wenige Hilfsprojekte.“

Till Gröner wirbt mit Vorträgen und im Rahmen von Lehraufträgen für seine Design-Build-Projekte. Er betont, dass Supertecture rein ehrenamtlich Hilfe leistet, was immer wieder ungläubiges Staunen auslöst. „Ich lebe sehr bescheiden. Die Sinnstiftung und die Begeisterung meiner Mitstreiter sind unbezahlbar.“

Sie wollen helfen?

Lesen Sie hier, in welchen Netzwerken und Organisationen man sich baulich engagieren kann, wo die Fallstricke liegen und was Architekten und Planer zu Auslandseinsätzen motiviert.

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