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Luft nach oben: Auf den Fotos wirkt die Lücke in der Düsseldorfer Kapuzinergasse wie ein Foyer. (Klicken für mehr Bilder)

[ Nachverdichtung ]

Mut zur Lücke

Unsere Städte werden immer voller. Drei Architekten wagen in Resträumen sehr unterschiedliche Experimente: Der eine wohnt und arbeitet in einer winzigen Lücke, die anderen zelebrieren mutig den Luxus der Leere

Von Frank Maier-Solgk

 Der ehemalige Arbeiterstadtteil Köln-Ehrenfeld kann als Muster für zahlreiche ähnlich verlaufende städtische Wandlungsprozesse gelten: Das innenstadtnahe Viertel mit hohem Ausländeranteil und vielfältigen kulturellen Angeboten befindet sich heute auf dem bekannten und ausgetretenen Pfad der Gentrifizierung. Wohnraum ist so begehrt wie rar, die Preisentwicklung entsprechend. In diesem Umfeld zeigt sich die Hüttenstraße entlang der Bahngleise eher noch im Look vergangener Tage. In den tiefen Bahnbögen unter den Gleisen residieren Schrotthändler, neben ihnen bietet ein bekannter Afro-Shop seine Waren feil, im Eckhaus gegenüber behauptet sich eine Kneipe, die als Drehort für ruppige Ruhrgebiets-Tatorte geschätzt wird. Die denkmalgeschützten Wohnhäuser, die sich anschließen – drei Stockwerke plus Dachgeschoss –, stammen fast alle aus der Gründerzeit.

Inmitten der Reihe jedoch klaffte bis vor Kurzem eine schmale, lediglich drei Meter breite Lücke, die nur auf der Erdgeschossebene durch eine Garage gefüllt war. Eine seltsame urbane Situation war dies, die auch Wolfgang Zeh auffiel, als er – nach dem Architekturstudium in Weimar und damals für ein Kölner Büro tätig – die Gegend auf Streifzügen erkundete. Anfangs nur aus architektonischer Neugier erkundigte er sich nach den Hintergründen: Die Lücke war schon bei der Ursprungsbebauung gleichsam als Rest übrig geblieben. Für das schmale Grundstück hatte es in den 1980er-Jahren einmal Pläne gegeben, die jedoch nicht realisiert wurden; eine Ausstellung informierte damals über das ganze Spektrum. Bauen durfte man, auch der Bodenrichtwert war erschwinglich, und die Innenstadtnähe sowie die verkehrsgünstige Lage nicht fern eines Bahnhofs sprachen ohnehin für sich. Langsam reifte die Idee: Warum nicht die Lücke durch einen experimentellen Bau schließen, der trotz aller Begrenztheit Platz zum Wohnen (drei Personen) und ein kleines Büro (zwei Angestellte) bietet? Man ist schließlich Architekt, und es muss ja nicht für die Ewigkeit sein.

Unikat für den Eigenbedarf

Angesichts einer Grundstücksfläche von 35 Quadratmetern war die Aufgabe herausfordernd, im Detail sozusagen „fummelig“. Die lichte Breite des Grundstücks betrug drei Meter, die Abstandsflächenvorschrift setzte der Bebauung nach hinten eine Grenze von sieben Metern; allenfalls die Höhe von 15 Metern bot etwas Spielraum. „Die Grundfrage bei der Bauaufgabe war“, erläutert Zeh, „wie erzeuge ich Raumqualität und möglichst wenig Verkehrsfläche?“ Zeh studierte Beispiele, nahm sich auch japanische Entwurfsideen der 1960er-Jahre vor, ließ sich vor allem von Takamitsu Azumas fulminantem Powerhouse in Tokio, daneben auch von Aldo van Eycks Düsseldorfer Galerie Schmela inspirieren. Doch scheitern Kopien, so Zeh, meist doch an der Spezifik der jeweiligen Situation. Kern der Lösung in Köln waren schließlich der variabel platzierte Einbau einer schmalen Treppe sowie die Schaffung von Geschossebenen, die durch den Einzug von drei nur die Hälfte der Raumtiefe einnehmenden „Emporen“ – hier durfte die Raumhöhe unter die sonst vorgeschriebenen 2,40 Meter verringert werden – auf insgesamt sechs erhöht wurden. Mit Kellergeschoss und Dachterrasse mit Fernwehblick auf die Gleise ließen sich auf diese Weise nicht nur knapp 80 Quadratmeter Wohnfläche erreichen, sondern auch differenzierte Raumsituationen mit Durchblicken in die jeweils untere oder obere Ebene. Zeh entschied sich für eine Sequenz der Nutzungen, die von der Werkstatt im Keller über den Arbeits-, den Schlaf-/Bad- bis zum Wohnbereich jeweils zwei Ebenen umfasste.

Belebend wirkt auch die Materialwahl mit minimalistischem Duktus: Die abgewaschene und neu verfugte seitliche Ziegelwand, der geschliffene Boden und die gewendelte Betontreppe, deren Verschalung aus schmalen Latten auf der Unterseite sichtbar wird, betonen eine handwerkliche Note. Sämtliche Holz­elemente konnte Zeh als gelernter Schreiner selbst anfertigen. 2014 war Baubeginn; Zeh arbeitete sich von unten nach oben, einen Kran benötigte er nicht. 2017 war der Rohbau fertig, wenig später bezog er den Bau zunächst als Büro. Noch fehlen Details wie Geländer und die Bepflanzung des Hofes, der in dem hölzernen Einbau eines schmalen Verschlags für Abfall seinen Abschluss findet. Dafür hat das Bad ein interessantes selbst entwickeltes Design, und das acht Quadratmeter große Büro mit seitlichem Blick vom Schreibtisch auf die Bahngleise wirkt in der Mischung aus Klause und Industrieambiente motivierend.

Das Lückenbauprojekt in der Kölner Hüttenstraße, dessen besondere Qualität in der Ausnutzung von Raumvolumina und in der Kreation von ungeahnten räumlichen Qualitäten liegt, hat inzwischen schon mehrfach die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Im Sinne der Verdichtung der Innenstädte mache der Bau Mut, betonte der BDA in der Begründung seines 2018 vergebenen Landespreises.

Gläserne Fuge

Nicht nur in Köln ist Verdichtung ein Dauerbrenner. Nicht allzu weit entfernt von der Domstadt, in der Altstadt Düsseldorfs, deren Mischung aus Nachkriegs-Wiederaufbauästhetik, Fußgängerzonencharme und Altbierseligkeit doch in die Jahre gekommen scheint, ist ein in seiner Art ebenso gewagtes Lückenbauprojekt anzutreffen, das im deutlichen Kontrast zum Kölner Beispiel steht. Hier wurde 2017 in der schmalen Kapuzinergasse nach dem Abriss eines sanierungsbedürftigen Hauses die ebenfalls schmale Baulücke nicht, wie es die lokale Bauordnung eigentlich vorsah, durch einen geschlossenen Wohnbau mit Laden im Erdgeschoss im Fassadenstil der Nachbarschaft getilgt, sondern der circa 5,5 Meter breite, 17 Meter tiefe und ebenso hohe Raum durch die Verglasung dreier Seiten in einen halb öffentlichen, nun gastronomisch genutzten Stadtraum verwandelt.

Die Architekten Yves Corneille und Peter Uedingslohmann (Köln) konnten die zuständigen Planungsämter von dieser, der Attraktivität und der „Würde“ des Ortes angemessenen Lösung überzeugen. Die gläserne Fassade zur Straße, die bewusst streng wirkende Glas-Stahl-Überdachung, die Sichtbetonplatten der Seitengiebelwände, der Terrazzoboden und die gleichfalls gläsern ausgebildete Rückwand, die oberhalb der Hofbebauung den Durchblick auf eine historische Backsteinwand erlaubt, machen diese gläserne Fuge zu einer Art architektonisch gestyltem Schaufenster, das einen Blick hinein in das eng bebaute Gefüge der Altstadt bietet. An einer der beiden Seitengiebelwände haben die Architekten in Abstimmung mit dem Denkmalamt eine mehrere Meter hohe, ursprünglich aus dem Nachbargrundstück stammende Sgraffito-Werbetafel für Kaffeehandel aus den 1920er-Jahren vom Original abgenommen und auf die Betonwand neu aufgetragen. Ein weiteres belebendes Moment ist der an der gegenüberliegenden Seitengiebelwand angebrachte freie und verglaste Aufzug, der sich innerhalb des Lokals auf und ab bewegt. Durch ihn wird die Fuge zugleich zum Entree für eine Galerie, die der Bauherr im Dachgeschoss des benachbarten denkmalgeschützten Gebäudes eingerichtet hat.

Hat man hier wertvollen Raum verschenkt? Die gefundene Lösung wirkt vor allem bezogen auf den sehr dicht bebauten Kontext angemessen. Die Fuge besitzt nicht zuletzt aufgrund der verwendeten Materialien Stahl, Glas und Beton eine atmosphärisch erfrischende Ausstrahlung. In der Wirkung erscheint die räumliche Auflockerung der dichten Bebauung als wohltuend und – zumindest an diesem Ort – als die interessantere Variante im Vergleich zu einer konventionellen baulichen Schließung. Gut vorstellbar wäre allenfalls – Stichwort Klimaanpassung in dicht bebauten Umgebungen – an diesem Ort auch vertikales Grün an einer der Giebelwände.

Ob das in Düsseldorf gefundene Konzept insgesamt aufgeht, hängt nicht zuletzt von der Nutzung ab; ein erstes Café musste bereits wieder schließen; die neue Soft-Drink-Bar scheint zumindest optisch verbessert. Beiden Beispielen in Köln und Düsseldorf aber ist bei allen Unterschieden ein Effekt gemeinsam, der aus Architektensicht nicht zu unterschätzen ist: Sie wecken durch die Mischung aus architektonischer Integrationsfähigkeit und stilistischer Eigenständigkeit bei Passanten ein (durchaus nicht häufiges) positiv gestimmtes Interesse an zeitgenössischen architektonischen Lösungen.

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