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Moderner Lebensraum

War die Nachkriegsmoderne gesichts- und ortlos? Fünf Bücher, die tief eintauchen und von Marl bis Marzahn beweisen, dass es ganz unterschiedlich ging: großformatig oder kleinteilig, alltäglich grau oder außergewöhnlich bunt

Baubezogene Kunst der DDR

Von Christina Gräwe

Dieses Buch gehört zu den Publikationen, die ohne die Leidenschaft für ein Thema, akribisches Suchen und viel Geduld nicht entstehen: Seit seiner Jugend dokumentiert Martin Maleschka die titelgebende baubezogene Kunst der DDR. Seine Mission wurde ihm quasi in die Wiege gelegt, denn Maleschka wuchs in Eisenhüttenstadt auf, der ersten sozialistischen Planstadt der DDR, die sich zudem durch vielfältige Beispiele von Kunst im öffentlichen Raum auszeichnet. Sein Archiv ist inzwischen auf über 100.000 Bilder angewachsen. Teile davon sind auf Fotografie-Plattformen und in Ausstellungen zu sehen.

Jetzt liegt eine Art Zwischenbericht in Buchform vor; die dokumentarischen Reisen gehen weiter. Aber schon diese erste Auswahl von 120 Kunstwerken „zwischen Ostsee und Erzgebirge“ zeigt: Hier wird ein noch wenig beachteter Schatz gehoben. Wir begegnen Wandreliefs und -bildern, Mosaiken, Glas-, Holz-, Metall- und Emailarbeiten, Skulpturen, eigenständigen kleinen Architekturen wie Brunnen, Kunst namhafter wie unbekannter Künstler. Gleichzeitig verheimlichen die Fotos nicht die teils marode Substanz als Zeichen für eine höchst bedrohte Kunstgattung, sei es durch Abriss, sei es durch vernachlässigte Pflege. So groß die Begeisterung über manche Entdeckung in der zweiten Reihe oder an weniger prominenten Orten sein mag, schwingt doch mit, dass viele Kunstwerke schon nicht mehr existieren.

Gegen dieses Verschwinden arbeitet Maleschka an. Das ist sein großer Verdienst und wird im Interview mit der Denkmalpflegeexpertin Luise Rellensmann ebenso deutlich, wie auch, dass er seine Spurensuche unabhängig von politischen Ideologien verfolgt. Es geht ihm darum, den Stellenwert der Kunst selbst und zugleich ihre Bedeutung für ihr unmittelbares Umfeld herauszuarbeiten, weshalb er sich bemüht, die Arbeiten sowohl im Detail als auch im Kontext zu zeigen. Und auch der Kunsthistoriker Thomas Topfstedt betont in seinem Beitrag mit vielen wertvollen Hintergrundinformationen, dass die Kunst nie „bloß schmückendes Element“ war, sondern den gesellschaftlichen Raum prägen sollte. Ihn interessiert ihr Einsatz als Instrument der ideologischen Erziehung und die frühzeitige, enge Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Architekten, während der Direktor des Instituts für Hochschulforschung Peer Pasternak sich Halle-Neustadt als „größter Freiraumgalerie der DDR“ widmet.

Das als Architekturführer angelegte Buch nimmt die Leser mit in alle ostdeutschen Bundesländer und nach Ost-Berlin. Übersichtskarten helfen beim Navigieren. Die Freude beim Blättern ist groß – und anregend: Am liebsten möchte man sofort selbst losfahren.

Martin Maleschka
Baubezogene Kunst DDR. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990
DOM publishers, 2018
504 Seiten, 48 Euro

Martin Maleschka stellt sein Buch persönlich vor (genaue Daten und Orte folgen):
März: Berlin, Frankfurt (Oder)
April: Erfurt
Mai: Berlin
Juli: Leipzig

 

Städtebau der Normalität

Von Heiko Haberle

Dass sich Urbanität nicht nur in gründerzeitlichen, sondern auch in nachkriegsmodernen Quartieren einstellen kann, erlebt man zum Beispiel in weiten Teilen Düsseldorfs oder Kölns, Frankfurts oder Münchens, aber auch im Ruhrgebiet. Bewusst macht man sich das aber kaum, weil Architektur und Städtebau irgendwie so alltäglich sind. Da ist wenig „Herausragendes“ zu erkennen, aber dafür ganz viel „Normales“, das bis heute überaus brauchbar ist. Diese „graue“ Stadt bekommt nun endlich etwas Aufmerksamkeit. Die Herausgeber Wolfgang Sonne und Regina Wittmann zeigen in „Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet“, dass die frühe Phase des Wiederaufbaus mehr als Siedlungs- und Zeilenbau konnte.

Dem anti-traditionalistischen Städtebau mit Hans Scharouns Stadtlandschaften, der Berliner Interbau oder den Hamburger Grindel-Hochhausscheiben stand in Rothenburg ob der Tauber, Freudenstadt oder Münster die Rekonstruktion der traditionellen Stadt gegenüber. Zwischen diesen Polen geschah in der überwiegenden westdeutschen Praxis der Wiederaufbau der „ganz gewöhnlichen Stadt“. Das hatte nicht nur pragmatische Gründe, wie etwa die Orientierung am alten Stadtgrundriss wegen der noch intakten Versorgungsleitungen, sondern wurde von leitenden Planern überzeugt forciert. So etwa von Philipp Rappaport, den Wolfgang Sonne in seinem Essay in Erinnerung ruft. Rappaport, der vor seiner Absetzung durch die Nationalsozialisten Direktor des Siedlungsverbandes Ruhrkohlebezirk (SVR) gewesen war, hatte bereits 1932 geäußert: „Die Zeilenbauweise verursacht viel leichter städtebauliche Enttäuschungen als die Blockbauweise“. Er begründete dies mit der schlechten Zugänglichkeit von Wohnungen, Läden und Büros, wodurch sich nur schwer Urbanität einstelle. Schon 1945, kurz nach seiner Wiedereinsetzung ins Amt, warnte er vor einem Wiederaufbau, der Suburbanisierung und Zersiedelung Vorschub leistet.

Neben zwei weiteren Texten zum urbanen Wiederaufbau deutschlandweit und zum Wohnungsbau im Ruhrgebiet, regt der Essay „Shades of Grey“ über die Denkmalpflege von „grauer“ Architektur von Hans H. Hanke die Gedanken an. Der Denkmalschutz habe zwar den Siedlungsbau entdeckt, weil dieser klar abgrenzbar ist, stehe sich aber beim urbanen Wiederaufbau selbst im Weg. So werden „unerhebliche Massenprodukte“ von der Denkmalpflege bewusst ausgegrenzt. Doch was, wenn gerade diese Massenware auch einen zeitgeschichtlichen Wert darstellt? Hanke schlägt Kriterien und Vorgehensweisen, für die Beurteilung ebenso wie für die öffentliche Vermittlung vor und relativiert schließlich den Begriff „historisch“: Warum sollte das nachkriegsmoderne Zentrum von Mönchengladbach-Rheydt nicht in die „Arbeitsgemeinschaft Historische Stadt- und Ortskerne NRW“ aufgenommen werden?

Es folgen elf Fallstudien zu Quartieren in Duisburg, Oberhausen, Mülheim, Essen, Bochum, Witten und Dortmund. Hier wird nun etwas deutlicher, dass hinter der Publikation ein Forschungsprojekt der TU Dortmund steht, denn die Betrachtungen gehen tief ins Detail. Mit viel Archivmaterial werden Planungs-, Zerstörungs- und wieder Planungsgeschichte analysiert und einzelne Gebäude gewürdigt. Die Schwarzpläne der Viertel von circa 1940 und 1970 sprechen Bände: Viele von ihnen sind, statt ausgedünnt zu sein, wieder ähnlich dicht oder sogar dichter geworden!

Dass die Betrachtungen rein baulich und weniger soziologisch sind, liegt in der Natur des Forschungsauftrags. Trotzdem wüsste man natürlich gerne, wer dort wohnt, was dort passiert und ob das etwas mit öffentlichen Räumen, Architektur oder Wohnungsgrößen zu tun hat. Ist die Sozialstruktur in diesen Quartieren besser oder schlechter als in Zeilen- oder Hochhaussiedlungen? Sind sie Orte von sozialem Abstieg oder von Gentrifizierung geprägt, die ja sonst eher in Gründerzeitquartieren stattfindet? Gerade im Fall von Duisburg-Marxloh, das immer wieder negative Berichterstattung erfährt, drängen sich diese Fragen auf. Liegt der beklagte Niedergang wirklich nur an starker Verkehrsbelastung und fehlendem Grün, wie angedeutet? Hätte ein Wiederaufbau mit mehr Grün sich anders ausgewirkt? Und hat andererseits die für diese eher isolierte Lage überaus urbane Wohn- und Geschäftsbebauung eine migrantisch geprägte Ökonomie, wie die Brautmodengeschäfte auf der inzwischen überregional bekannten „Hochzeitsmeile“ begünstigt?

Nichtsdestotrotz hat dieses Buch definitiv gefehlt. Ein großer Gewinn ist es auch wegen der spektakulär unspektakulären Fotos von Matthias Koch, die man sich als eigenen Bildband wünscht. Sie zeigen nicht nur, dass die „graue“ Architektur gar nicht so grau ist, sondern sie würdigen jene Häuser, an denen man meist vorbeigeht oder die man einfach so im Alltag nutzt, aus denen aber eben auch Stadt entsteht.

Wolfgang Sonne, Regina Wittmann (Hg.)
Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet
DOM publishers, 2018
320 Seiten, 98 Euro

 

Ein kurzer Sommer der Utopie

Von Christina Gräwe

Die Initiative Ruhrmoderne – seit 2018 als Verein organisiert – kümmert sich um das gebaute, oft vernachlässigte oder gar ungeliebte Erbe der Nachkriegsmoderne im Ruhrgebiet. Der Blick ist regional, die Botschaft hingegen gilt vielerorts: Es geht um neue kulturelle, soziale und wirtschaftliche Konzepte für die Stadtentwicklung; beteiligt sind Akteure aus der Architektur, Stadtplanung, bildenden Kunst, Denkmalpflege, Kunst- und Baugeschichte aber auch dem Journalismus und der Verwaltung. Im Fokus stehen nicht alleine das Erinnern an das Zeitfenster zwischen 1955-1975, sondern auch dessen Potenziale für Gegenwart und Zukunft.

Spuren hinterlassen hat sicherlich die Sommerakademie „Marschall 66“, benannt nach einem Hauptwerk des Architekten Günther Marschall, dessen leerstehende Schule von 1966 in Marl Knoten- und Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Veranstaltungen im Jahr 2017 wurde. Zunächst statteten Studierende von fünf Hochschulen und einem Berufskolleg sie als Veranstaltungs-, Ausstellungs- und Wohnort aus und hielten einen zehntägigen Workshop ab. Im Juli desselben Jahres zogen sie erneut zusammen mit Interessierten für das Programm „100 Stunden Brutalismus“ in das von Pavillons und Höfen geprägte Gebäude ein. Im Haus selbst wurden Semesterarbeiten ausgestellt und debattiert. Zahlreiche Exkursionen verknüpften die Theorie mit der Praxis und reichten bis weit in die Region.

Bei manchen wurden Erinnerungen an die eigene Schulzeit wach, als sie die sparsam, aber stimmungsvoll umgenutzten Klassenzimmer bezogen oder sich im ehemaligen Lehrerzimmer zum Essen trafen. Das belegt „Ein kurzer Sommer der Utopie“, eine Dokumentation, die das Projekt Ruhrmoderne gemeinsam mit der Universität Kassel veröffentlichte.

In dem vielstimmigen Rückblick äußern sich die Herausgeber Theo Deutinger, Philipp Oswalt und Timo Panzer, angereiste Architekten und Journalisten und auch Ortsansässige wie der Bürgermeister oder Bewohner, die Architekturführungen anbieten. Es sind kunst- und architekturhistorische Einschätzungen, Gebäudebeschreibungen aber auch sehr persönliche Eindrücke von diesem Ort, die die Aufmerksamkeit schärfen und Hoffnung auf weitere Initiativen dieser Art wecken. Die reiche Bebilderung ist nicht immer von brillanter Qualität, die Motivauswahl aber sehr lebendig und schafft eine sympathische Nähe zu den festgehaltenen Situationen und besuchten Gebäuden.

Für die ehemalige Marschall-Schule tut sich ein solcher Hoffnungsschimmer bereits auf: Die Stadt Marl möchte sie für ihr renommiertes Skulpturenmuseum, Teile der Volkshochschule und eine Bibliothek umnutzen. Ein „öffentliches Wohnzimmer“ also für Marl und damit nicht nur ein kurzer Sommer der Utopie?

Theo Deutinger, Philipp Oswalt, Timo Panzer (Hg.)
Ruhrmoderne 1967/2017. Ein kurzer Sommer der Utopie
kassel university press, 2018
386 Seiten, 18 Euro
Auch als PDF hier erhältlich

 

Der Glaube an das Große

Von Heiko Haberle

Sonja Hnilica beginnt das Buch, das auf ihrer Habilitationsschrift basiert, mit einem historischen Überblick „zur Tradition des Großen“ und stellt dabei fest, dass große Gebäude in der Vergangenheit höchstens aristokratische oder göttliche Macht symbolisierten (ägyptische Pyramiden, gotische Kathedralen, barocke Schlösser). Erst in der Spätmoderne seien sie zum „Projekt für die egalitäre Massengesellschaft“ geworden, mit dem vor allem in demokratischen Systemen der wachsende Bedarf an Wohnungen, Arbeits- und Studienplätzen erfüllt werden konnte. Im weiteren Verlauf geht es mal in die Höhe, mal in die Breite, mal in die Fläche. Dank der griffigen Sortierung in „Stadt in einem Haus“, „Riesenmaschinen“, „Großform“, „Bausysteme“ und „Megastrukturen“ und dank vieler guter und vor allem gut eingesetzter Fotos von gebauten und ungebauten, bekannten und unbekannten Großstrukturen aus aller Welt macht das Blättern und Schmökern einfach Spaß.

Es bleibt nichts, was man vermissen würde: Flughäfen, Kongresszentren, Wohnschlangen, Krankenhäuser, Einkaufszentren, Universitäten, Büroparks, Fabriken, Logistikzentren und Rundfunkanstalten werden mit ihren jeweils prägnantesten Vertretern gezeigt, wobei selbst die allseits bekannten Beispiele nicht wie alte Hüte wirken, weil sie in dieser Zusammenschau einzigartig sind. Über andere Gebäude hatte man unter dem Aspekt Großstruktur noch gar nicht viel nachgedacht. Lediglich der frühere Ostblock scheint unterrepräsentiert, was entweder Hnilicas These untermauert, eher demokratische Gesellschaften hätten Großstrukturen hervorgebracht, oder sie unterläuft, schließlich war doch die „egalitäre Massengesellschaft“ erst recht auch ein sozialistischer Anspruch.

Hnilica verschweigt in ihrer abschließenden Bilanz nicht, dass viele Großstrukturen zwar bau- und ideengeschichtlich wertvoll, aber gesellschaftlich und städtebaulich problematisch sind: „Die meisten Großstrukturen funktionieren nur für diejenigen gut, die drinnen sind“, was auf die isolierten westdeutschen Campus-Universitäten ebenso bezogen wird, wie auf das an sich gut funktionierende Londoner Barbican Center oder auf das Berliner ICC, das, auf einer Verkehrsinsel gelegen, kaum sichtbare Eingänge für Fußgänger aufweist. Nichtsdestotrotz sieht Hnilica eine Renaissance der Großtrukturen, was angesichts von aufgeschütteten Palmen in Dubai oder Norman Fosters gigantischem Ring der neuen Apple-Zentrale durchaus einleuchtet. Aber auch für bestehende Objekte sieht sie eine Zukunft: Die Autorin rät zur Wertschätzung und zum Erhalt der charakteristischen Grundstrukturen, aber auch zum Weiterbauen, etwa durch das Einnisten neuer Funktionen und durch Engagement von unten, wie es gerade im Hannoveraner Ihme-Zentrum sichtbar wird.

Interessant und praktisch: Im Anhang liefert eine Tabelle Größenvergleiche nach Grundfläche, Volumen, Ausmaßen und Geschossen. Zu finden sind so unterschiedliche Objekte wie der Petersdom, das Pentagon, die, Metastadt Wulfen, das Tropical Islands oder der Burj Khalifa.

Dass das Buch eine wissenschaftliche Arbeit ist, merkt man ihm kaum an, denn deren Indizien, wie Fußnoten und Bildnachweise, wurden geschickt in die Gestaltung integriert, ohne versteckt worden zu sein. Wohl selten hat eine Habilitationsschrift so gut den Spagat hin zum Coffee-Table-Book bewältigt, ohne dabei an Ernsthaftigkeit und Differenziertheit einzubüßen. Hier ist ein Rundumschlag für Fachleute und interessierte Laien rundum gelungen.

Sonja Hnilica
Der Glaube an das Große in der Architektur der Moderne. Großstrukturen der 1960er und 1970er Jahre
Park Books, 2018
264 Seiten, 48 Euro

 

Großsiedlungen im geteilten Berlin

Von Heiko Haberle

Jeder fünfte Berliner lebt in einer Großsiedlung – und die meisten von ihnen ganz gerne, glaubt man immer wieder zitierten Umfragen zur Wohnzufriedenheit. Warum auch nicht, bieten sie doch, was sich die meisten wünschen: gute Verkehrsanbindung, helle (noch eher günstige) Wohnungen, viel Grün und meist sogar Ruhe. Nur der, meist unbegründete, schlechte Ruf steht im Weg. Jascha Philipp Braun möchte mit seiner Doktorarbeit „Großsiedlungsbau im geteilten Berlin. Das Märkische Viertel und Marzahn als Beispiele des spätmodernen Städtebaus“ diese Viertel gedanklich „inwertsetzen“, schließlich werden sie in wachsenden Städten noch gebraucht.

Das Märkische Viertel wurde zwischen 1963 und 1976 direkt an der Berliner Mauer im Norden West-Berlins durch verschiedene namhafte Architekten errichtet. Von der aufgelockerten Stadtlandschaft einer Gropiusstadt hatte man sich inzwischen abgewandt und sich der „Urbanität durch Dichte“ verschrieben. Das Viertel zeichnet sich entsprechend durch skulpturale, raumbildende und höhengestaffelte Großformen aus. Die von 1977 bis 1990 im Osten gebaute Großsiedlung Marzahn hingegen musste wegen ihrer industrialisierten Bauweise zwangsläufig einheitlicher, linearer und einfacher bleiben, was jedoch durch individuell gestaltete öffentliche Gebäude ausgeglichen wurde.

Braun arbeitet zunächst ausführlich historische Traditionen des Großsiedlungsbaus, internationale Kontinuitäten sowie technische und planungsrechtliche Voraussetzungen heraus. Der eigentliche Vergleich von Märkischem Viertel und Marzahn findet dann dankenswerterweise nicht nacheinander statt, sondern immer für beide Viertel zugleich auf ein Thema bezogen, etwa Bebauungsstrukturen, Architektur, öffentliche Räume, Grundrisse und Ausstattung. Dabei treten trotz systemischer Unterschiede fast nur Gemeinsamkeiten hervor: Beide Viertel haben keineswegs Tabula Rasa gemacht, sondern wurden um bestehende Einfamilienhausgebiete herum entwickelt. Die Wohnungen waren zuvorderst auf Familien ausgerichtet. Öffentliche Einrichtungen wurden als „Erlebnisbereiche“ (Werner Düttmann, West-Berlin) und „Ereigniszentren“ (Heinz Graffunder, Ost-Berlin) geradezu synonym definiert und an zentralen Orten zusammengefasst. Wichtige Außenräume wurden den Fußgängern vorbehalten und mit Farbkonzepten und Kunst angereichert. Auch weil west- und ostdeutsche Planer durchaus im fachlichen Austausch standen, kann Braun keine bewusste Gegenüberstellung eines „demokratischen“ mit einem „sozialistischen“ Städtebau feststellen, wie es sie in den 1950er-Jahren zwischen dem Hansaviertel und der Stalinallee ganz offensichtlich gegeben hatte.

Für Wissenschaft und Denkmalpflege wird sich Brauns Dissertation als unverzichtbar beweisen. Anders als Sonja Hnilicas gestalterisch aufwändigere (sicherlich auch finanziell besser ausgestattete) Habilitation „Der Glaube an das Große in der Architektur der Moderne“ kann sie ihren wissenschaftlichen Charakter bei Aufbau, Überschriften und Optik aber leider nicht verstecken. Die wirklich wichtigen Aussagen muss man also ein bisschen suchen. Die Fülle an fundiertem Wissen sowie die vielen historischen Fotos und Pläne dürften aber selbst Kennern noch Neues bieten. Eine weitere Stärke ist Brauns abschließendes Fazit zu Gegenwart und Zukunft dieser Siedlungen, die angesichts des angespannten Wohnungsmarkts noch ungehobene Potenziale bereithalten – wenn man sie denn erkennen kann. Eine wichtige Hilfestellung dazu liegt nun vor.

Jascha Philipp Braun
Großsiedlungsbau im geteilten Berlin. Das Märkische Viertel und Marzahn als Beispiele des spätmodernen Städtebaus
Gebr. Mann Verlag, 2019
456 Seiten, 69 Euro

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