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[ Aufstockung Hotel ]

Wenn Unmögliches möglich wird

Gebäudeklasse 5, Sonderbau: Diese zwei Worte bedeuten normalerweise das Aus für den Holzbau. Im Hotel Post in Aschheim bei München machten findige Ideen und interdisziplinäre Zusammenarbeit das Unmögliche trotzdem möglich.

Text: Christine Ryll

Manche Wege führen über Mailand: Zum Beispiel der eines Vertreters der Möbelbranche, der gerne im Hotel Post in Aschheim übernachtete und den Besitzern beim abendlichen Plausch im Falle einer Erweiterung als ideale Planerin die Münchner Innenarchitektin Dorothee Maier empfahl. Gesehen hatten sich die beiden zwar noch nie, doch der Mann wusste, dass Maier seinerzeit im Team des Mailänders Mattheo Thun maßgeblich bei dessen Hotelprojekt Vigilius Mountain Resort mitgearbeitet hatte. Diese ökologische, nachhaltige Holzarchitektur, da war er sich sicher, war die Art Architektur, die auch zu den Aschheimer Hotelbesitzern und deren Vorstellungen zum geplanten Hotelumbau passen würde.

Integrative Planung ermöglicht schnelle Bauweise

Und er hatte Recht. Als Anneliese und Otto Lindinger ein halbes Jahr später tatsächlich an eine Aufstockung dachten, wandten sie sich an jene empfohlene Planerin – und waren begeistert von deren ersten Skizzen und ihrem Konzept einer zweigeschossigen Aufstockung mit durchlaufenden Schleppgauben, die es möglich machte, unten 13 Zimmer und oben eine zusätzliche große Suite unterzubringen. Das Zeitfenster für Abbruch, Neubau und Ausbau, das sie dem Büro Meierei Innenarchitektur zur Verfügung stellten, war hingegen äußerst knapp bemessen. Zwischen Februar und September, so hieß es, könne man bauen. Zum Start „der Wiesn“ und zum Auftakt der Messesaison hatten die Zimmer termingerecht fertig zu sein. Die Baumaßnahmen sollten außerdem auf den laufenden Hotelbetrieb Rücksicht nehmen.

Für die Kreativen bedeutete dies, dass sie den Ablaufplan so verdichten mussten, dass die Ausschreibung bereits zu einem Zeitpunkt erfolgte, an dem die Detailplanung nur in Form von 40 Regeldetails vorlag. Zudem erforderte der knappe Zeitplan große Ausschreibungspakete, um möglichst wenige Schnittstellen zu produzieren. Für HUP – Handwerks- und Planungsteam, die letztlich den Auftrag für den Holzbau erhielten, bedeutete dies, dass die Holzbauer nicht nur für die Zimmererarbeiten zuständig waren, sondern quasi als Generalunternehmer agieren mussten. Unter ihre Regie fielen neben den Abbruch- und den Holzbauarbeiten respektive dem gesamten Rohbau inklusive der Bodenaufbauten auch sämtliche Trockenbau-, Fenster- und Dachdecker- sowie Spenglerarbeiten – von der CAD/CAM-Werkstattplanung bis zur Fertigstellung. Zudem brachte HUP einen Elektroinstallateur mit ins Boot, der dafür sorgte, dass auch diese Leistung vernünftig integriert werden konnte. Und für Planerin Maier, den Statiker Ernst Friedl vom Büro Seeberger Friedl und Partner und den Brandschutzbeauftragten Michael Merk und René Stein aus dem Büro Fire&Timber.ing bedeutete dies, dass man anders planen musste als landläufig üblich, nämlich interdisziplinär und nicht nacheinander, um so von Anfang an schon sämtliche Details so festzulegen, dass nachträgliche Änderungen seitens der Statik oder des Brandschutzes nicht mehr zu befürchten waren.

F 90 B statt F 90 A

Der Wunsch der Bauherren, ihr Hotel in nachhaltiger Holzbauweise aufzustocken, bedurfte des Mutes aller Beteiligten, auf die innovativere, aber auch aufwendigere Lösung zu setzen. In der Gebäudeklasse 5, als auch in dieser Kategorie des Sonderbaus, darf laut baurechtlichen Vorgaben kein brennbares Material für die tragenden Elemente verbaut werden – und genau in diese Bauklasse fällt der Hotelbau in Aschheim. Trotz der Hürden entschlossen sich Planer und Bauherren, diesen baulichen Weg aus ökologischen und zeitlichen Gründen einzuschlagen. „Der erfahrene Holzbaustatiker konnte dem Vorhaben sämtliche Vorteile abgewinnen“ erinnert sich Maier, „denn das Eigengewicht des Holzbaus ist natürlich sehr viel geringer als im Massivbau. Dies betrifft auch das darunterliegende Bestandsgebäude, das während der Bauzeit in vollem Betrieb blieb.“ Darüber hinaus war schnell klar, dass mit dem Holzbau aufgrund der schlankeren Wandquerschnitte mehr Flächen gewonnen werden konnten – eben jene 13 Zimmer plus Suite – als im Massivbau, „was wiederum die höheren Kosten des Holzbaus wett machte“, fährt die Innenarchitektin fort.

Die Basis für die Genehmigung der Holzbauweise bildeten letztlich 40 Regeldetails, die Maier zusammen mit dem Brandschutzexperten und dem Statiker erarbeitete. Zahlreiche gemeinsame Treffen und zahllose Emails trugen dazu bei, dass jedes dieser Details brandschutztechnisch und statisch ausgeklügelt war. Somit bildete der Detailkatalog ein stimmiges Fundament, auf dem die nachfolgenden Gespräche mit den zuständigen Sachbearbeitern des Landratsamts gründen konnten. „Wir mussten die Behörde ja überzeugen, dass wir mit unseren Details F 90 B so realisieren können, dass der damit erreichte Brandschutz der Gesetzesvorlage F 90 A gleichgesetzt werden kann“, erläutert Maier.

Boxenprinzip

Dies erreichten die Planer durch ein Brandschutzkonzept mit ganz klaren Wandaufbauten und zweischaligen Wände, bei denen das Holz durch entsprechende Beplankung komplett geschützt war. Statisch bilden Wände und Decken jeweils einzelne Boxen, die durch eine nicht brennbare Dämmschicht (Steinwolle) voneinander getrennt sind. Somit ist ein Brandüberschlag von Zimmer zu Zimmer ausreichend lange behindert. Im Mittelbereich der Holzboxen zog Meierei Innenarchitektur eine Decke ein, sodass darüber noch eine Suite integriert werden konnte. Der Lastabtrag verläuft entsprechend dem Stabausfallsprinzip: Im Brandfall kann eine der doppelschaligen Wände ausfallen, während die andere weiter trägt. Gleichzeitig bietet dieses Boxenprinzip weitere Vorteile: Die Zwischenlage aus Steinwolle erhöht den Schallschutz zwischen den Zimmern. Und dank der schlanken Wandquerschnitte können die einzelnen Räume mehr Platz beanspruchen.

Weil die Bauherren für ihre neuen Zimmer weder eine kontrollierte Raumluft-, noch eine Klimaanlage einbauen wollten – beides hätte zu viel Platz beansprucht – suchte das Planungsteam auch für diese Herausforderung nach einer Alternative. Sie fand sie mit dem Baustoff Lehm. Damit verputzte Innenwände kompensieren die Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen im Innenraum. Als ideale Kombination mit den Lehmwänden wählte Familien Lindinger eine Wandheizung. Die so erzeugte Strahlungswärme macht es möglich, die Raumtemperatur – bei gleicher Behaglichkeit – um 2 bis 3 Grad zu senken und so Energie zu sparen.

Die haustechnische Versorgung der neuen Zimmer erfolgt über das bestehende Versorgungssystem des Bestands. Auf der Südseite des Daches wurden im Zuge der Bauarbeiten Vorbereitungen für eine Aufdach-Photovoltaik-Anlage getroffen. Für die Versorgungsschächte entwickelte Maier in Kooperation mit den Brandschutzexperten und dem Lieferanten der Brandschutzschotts entsprechende Details, für die letzterer aufgrund der nur geringen Abweichung von den Standardprodukten des Unternehmens die Gewährleistung übernahm.

„Bei der Besprechung unseres Konzepts mit der Genehmigungsbehörde im Landratsamt saßen wir letztlich zu acht um einen runden Tisch: der Bauherr, die beiden Brandschutzplaner, der für die Genehmigung zuständige Sachbearbeiter in der Behörde, zwei für den Brandschutz zuständige Sachbearbeiter der Behörde, ein Sachverständiger für Bau- und Objektüberwachung des Lieferanten der haustechnischen Schotts und ich“, erinnert sich die Planerin. Nach der Gesprächsrunde waren alle so überzeugt, dass das Planungskonzept schließlich ohne zusätzliche Brandversuche, Gutachten und ohne Zustimmungen im Einzelfall genehmigt wurde und ausgeführt werden durfte. So wurde das Unmögliche schließlich doch möglich.

Fotos: meierei Innenarchitektur ((kostenfrei))

Bautafel

Bauvorhaben: Aufstockung eines Hotels in 85609 Aschheim
Bauweise: Holzmassivbauweise
Baujahr: Februar bis September 2012
Bauzeit: 8 Monate
Baukosten: wird nicht genannt
Wohn-/Nutzfläche: 468 qm
Kubatur: 2.030 cbm
Bauherr: Anneliese und Otto Lindinger, 85609 Aschheim, www.hotelpost-Aschheim.de
Architekt: Meierei Innenarchitektur, 81543 München, www.meierei.org
Holzbau: HUP – Handwerks- und Planungsteam, 82054 Sauerlach, www.hup-holzbau.de
Brandschutz: Fire&Timber.ing, Dipl.-Ing. Michael Merk, Dipl.-Ing. René Stein, 82061 Neuried, www.ft-in.gde
Holzbaustoffe: Wände und Decke: ABA Holz – KLH, www.aba-holz.de
Dachelemente: Lignatur, www.lignatur.ch
Tragwerksplanung: Seeberger Friedl und Partner, 84347 Pfarrkirchen, www.seebergerfriedlundpartner.de

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