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[ Aufstockung Pavillon ]

Loft im Park

Bei der Aufstockung eines Pavillons blieb vom Bestand nur noch das Skelett erhalten. Das allerdings gibt Form und konstruktive Gestalt des neuen Baukörpers vor.

Text: Christine Ryll

Der Glaspavillon an der Wolfratshausener Straße 52 in München blickt auf eine illustre Nachbarschaft: Zur Straße hin schirmen ihn eine denkmalgeschützte Jugendstilvilla sowie ihr modernes Pendant aus Glas und Stahlbeton gegen den Lärm der vorbeifahrenden Autos ab, nebenan steht ein schlichtes Mehrfamilienhaus und um das Gebäude herum recken sich haushohe Bäume auf einer grünen Wiese zum Himmel empor. Der Pavillon selbst fällt architektonisch wie konstruktiv ebenfalls aus dem Rahmen: Architekt Ekkehard Fahr hatte den Holzskelettbau 1979 als Erweiterungstrakt des in der historischen Villa befindlichen Firmensitzes konzipiert und ihn mit einem verglasten Gang an das Hauptgebäude angebunden. Damit hatte er seinerzeit den ersten in F 90 ausgeführten Leimholzbinderbau Deutschlands realisiert. Das führte dazu, dass der Glaspavillon 2004 unter Denkmalschutz gestellt wurde – und unterminierte die Pläne des letzten Besitzers, ihn abreißen zu lassen und stattdessen das Grundstück dicht zu bebauen. So entschied sich dieser schließlich, das Bauwerk zu verkaufen. Ein Glücksfall für Rembert Düvelius und Petra Singldinger. Sie erwarben den Komplex von einem Zwischenbesitzer und konnten mit ihren Plänen einer behutsamen Erweiterung letztlich auch die skeptische Denkmalschutzbehörde überzeugen.

Denn die beiden wollten das Gebäude nicht dem Erdboden gleich machen, sondern ihn lediglich aufstocken. Diese Option war bereits in der ursprünglichen Planung und damit auch in der Statik berücksichtigt worden. Einschränkend wirkten daher nur abstandsrechtliche Vorschriften. „Sie bewirkten, dass wir das Obergeschoss nicht in der gesamten Breite des Gebäudes erhöhen durften“, informiert Architekt Matthias von der Recke, Partner im Büro Jensen Ingrisch Recke Architekten. Parallel erlaubte die Stadt jedoch den neuen Besitzern den Bau eines Einfamilienhauses auf dem rückwärtigen Teil des Gartens.

Im Erdgeschoss des umgebauten Pavillons fanden ebenfalls drei Wohneinheiten zwischen 80 und 150 m2 Platz, im Obergeschoss zwei. Die Einteilung gaben die großen Glasfronten vor, da die Trennwände nur an den Stützen der Fassade angeschlossen werden konnten bzw. mit zusätzlichen Zwischenfeldern aus Glas in der Mitte eines Fassadenrasters. Entsprechend entfallen auf die einzelnen Wohnungen auch nur wenige Zimmer. Statt konventioneller Grundrisse entstanden so individuelle Lofts, die im Erdgeschoss über Stahlstege und im Obergeschoss über eine außen liegende Treppe an der Nordseite des Gebäudes erschlossen werden. „Eine innen liegende Treppe hätte aufgrund der Geschosshöhen von bis zu 3,80 m viel zu viel Platz beansprucht“, erklärt von der Recke diese Entscheidung.

Im Zuge der Aufstockung musste der Bestand zunächst bis auf das Skelett zurück gebaut werden. Auch die Fassade wurde ausgetauscht. Sie entsprach energetisch nicht mehr den heutigen Anforderungen und wies darüber hinaus nur wenige kleine Kippfenster und keine Ausgänge in den Garten auf, war also für eine Wohnnutzung nicht brauchbar. Zudem befanden sich im Bestand keine eigenen sanitären Räume oder auch nur Wasserleitungen, da bis dato die Nasszellen und Teeküchen in der Villa mitgenutzt werden konnten. Entsprechend musste das haustechnische Konzept des Gebäudes komplett neu konzipiert werden. Die neuen Details von Fassade und Dach entwickelten die Planer in Absprache mit der Denkmalschutzbehörde, so dass sie in Einklang mit der Ursprungsplanung stehen.

13 m lange Platten als Zwischendecke

Als besonders anspruchsvoll erwies sich die Konstruktion der neuen Decke über dem Erdgeschoss. Sie besteht aus 12 cm dicken, 1,80 m breiten und 13 m langen Vollholzplatten. Pro Trägerachse brachten die Zimmerer der mit dem Projekt betrauten O. Lux GmbH & Co.KG per Kran jeweils eine große Platte ein, die sie anschließend mit Hunderten von Schrauben mit den im Bestand vorhandenen Trägern verschraubten. Auf diese Weise verwandelten sie die ursprünglich senkrechten Träger statisch in T-Träger, die nun als Basis für die neuen Stützen im Obergeschoss dienen. Rand- und Deckenträger verlaufen bei dieser Konstruktionsart in einer Ebene, wobei das obere Stockwerk entsprechend der geometrischen Logik des Gebäudes zurückversetzt ist.

Die in Einklang mit der ursprünglichen Planung kreuzförmig ausgebildeten Brettschichtholzstützen weisen im Erdgeschoss einen 24/24 cm dicken Kern und 36/36 cm Maximaldurchmesser auf, während sie im Obergeschoss auf einen 18/18 cm dicken Kern bzw. 24/24 cm Maximaldurchmesser verkleinert wurden. Die Auflager für die 24 cm (Erdgeschoss) bzw. 18 cm (Obergeschoss) breiten und bis zu 14,5 m langen umlaufenden Randbalken ergeben sich bei dieser Stützenform aus den unterschiedlich langen Flügeln. „Der innere und der äußere Stützenflügel ragen jeweils über die eigentliche Stütze hinaus. Diese funktioniert somit wie eine Gabel, in die der jeweilige Randbalken einfach eingeschoben wird“, erläutert von der Recke die historische Konstruktion, die auch bei den neuen Bauteilen übernommen wurde.

Ihre Bestandteile an Ort und Stelle zu bringen, erwies sich angesichts der enormen Dimensionen und der Tatsache, dass das Objekt nicht direkt von der Straße aus erschlossen ist, als logistische Herausforderung. „Wir haben daher zunächst eine Baustraße von der Wolfratshausener Straße bis zum Gebäude asphaltiert, mit Hilfe einer Rampe eine Böschung konstruiert und so die Baustelle beschickt“, erinnert sich der Architekt an die komplizierte Beschickung des Gebäudes. Erschwerend kam bei den Arbeiten hinzu, dass der umfangreiche Baumbestand die Bewegungsfreiheit von Mensch und Maschine stark einschränkte. Während heutige Planungen einen Meter Abstand zwischen Baumkrone und Bauwerk vorschreiben, stehen die Bäume bei diesem Objekt oft so nah am Gebäude, dass die Krone das Gebäude überragt, der Wurzelbereich hingegen in der Tiefgarage ausgespart werden musste.

Vakuumpaneele: dünn, aber hoch wirksam

Das neue Dach des Bauwerks ist extensiv begrünt. Unter dem Bewuchs verhindert wurzelfeste Abdichtung ein Durchdringen der Wurzeln in den Dachaufbau. Gefälledämmung auf Dampfsperre ermöglicht das problemlose Abfließen von Regenwasser. Auf den Dachträgern aufgelagerte 40 mm dicke Bretterschalung stellt die nächste Schicht des Dachaufbaus. Zwischen den Trägern isoliert 140 mm Mineralfaserdämmung. Dampfsperre, eine 45 mm dicke Unterkonstruktion für die Deckenverkleidung und ein einlagiger Deckenspiegel aus je 12,5 mm Gipskartonplatten vervollständigen den Aufbau.

Geheizt wird das Bauwerk mit Hilfe einer Grundwasserpumpe, die wiederum eine Fußbodenheizung speist und zudem die Energie für die Warmwasserbereitung liefert. Eine für jede Wohnung separat angelegte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ergänzt das energetische Konzept, das auch eine moderne Fassadendämmung integriert. So kombiniert die neue Außenhaut des Bauwerks Fensterelemente aus Glas mit Verbundelementen aus Vakuumdämmpanelen, die außen mit Zementfaser- und innen mit beschichteten Holzplatten beplankt sind. Diese 9 cm dicken Pakete wurden von den Handwerkern anstelle der parallel verwendeten Dreifachverglasung einfach in die Glasleisten eingeklemmt. Die Öffnungsflügel der neuen Fenster sind dunkelgrau gestrichen. Im Ursprungsbau waren sie aus Stahl statt aus Holz – eine energetisch heute nicht mehr akzeptable Lösung. Die gewählte Alternative hingegen lässt sich optisch kaum vom Vorbild unterscheiden. Damit ist sie die ideale Wahl für ein Gebäude, dass eine dem Denkmalschutz genehme Form und Konstruktion mit modernen Ansprüchen an Energie- und Haustechnik sowie zeitgemäßem Komfort verbindet.

Fotos: Rohner Fotodesign (von außen), Ulrike Böhm (von innen) ((alle Fotos kostenfrei))

Bautafel

Bauvorhaben: Renovierung und Aufstockung eines denkmalgeschützten Holzpavillons und Umnutzung von Büros zu Wohnungen, 81379 München
Bauweise: Holzskelettbauweise
Baujahr: September 2008 bis Februar 2010 (1979 errichtet)
Bauzeit: 18 Monate
Baukosten: Werden nicht genannt
Wohnfläche: 557 m2 (Innenraum)
Kubatur: 2.355 m3 (ohne Garage)
Bauherr: Rembert Düvelius und Petra Singldinger, 81379 München
Architekt: Jensen Ingrisch Recke Architekten, 80339 München, www.jir-architekten.de
Statik: Ing.-Büro für Baukonstruktion und Holzbau Jochum, 82239 Alling,
Holzbau: O. Lux GmbH & Co.KG, 91166 Georgengmünd, www.o-lux.de

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