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[ Schwerpunkt Generationen ]

Räume der Endlichkeit

Immer mehr Menschen verbringen ihre letzten Tage in Hospizen. Bei der Planung von Räumen, in denen vom Leben Abschied genommen wird, müssen sich auch Architekten mit dem Tod auseinandersetzen

Text: Christoph Schirmer

Lange wurde das Sterben aus der Öffentlichkeit weitgehend ausgeblendet. Jetzt bröckelt das Tabu. Der Tod wird mehr und mehr als Teil des Lebens begriffen. Mit dem Hospiz erhält die letzte Lebensphase nun auch ihren eigenen Raum.
Hospize sind weder Krankenhäuser noch Pflegeheime, sondern eine Ergänzung zu diesen. Sie stehen für eine Sterbe- und Trauerbegleitung in Würde und bieten ihren Bewohnern eine umfassende palliativmedizinische (Leiden lindernde), psychosoziale und spirituelle Betreuung. Die medizinische Versorgung bleibt Sache des Hausarztes oder einer angrenzenden klinischen Einrichtung. Denn in ein Hospiz werden Menschen aufgenommen, bei denen eine Betreuung in einem Krankenhaus nicht nötig, eine Unterbringung im Pflegeheim oder die Versorgung zu Hause jedoch nicht mehr möglich ist. Der Deutsche Hospiz- und Palliativ-Verband zählte 1996 noch 30 stationäre Hospize, 2011 bereits 179. Sie werden überwiegend von gemeinnützigen Vereinen, Stiftungen oder konfessionellen Trägern betrieben. In den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen weiter ansteigen, die meist in seniorengerechten Wohnformen gepflegt und betreut werden. Erst in Fällen, bei denen das nicht mehr möglich ist, übernimmt das stationäre Hospiz.
Wirtschaftlichkeit ist nicht das Hauptkriterium
Die Planung orientiert sich an Kenndaten und Erfahrungen des Pflegeheimbaus, wobei der Anspruch der pflegerischen Umsorgung eher zu kleinen Einheiten mit häufig acht bis sechzehn Plätzen führt. Oft sind sie räumlich in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich dieselben Funktionsräume teilen. Als Intensiv-Pflegeeinrichtung ist der Betrieb des Hospizes aufwendiger als klassische Altenheime. Das Verhältnis von Patientenzahl und Raumbedarf ist wirtschaftlich ungünstig, die Realisierung architektonischer Qualitäten nicht immer einfach. Die Kosten pro Platz liegen in der Regel zwischen denen für einen Platz im Pflegeheim und im Krankenhaus. Hospizbauten fallen unter das Heimgesetz; neben den Landesbauordnungen gelten in den Bundesländern spezielle Verordnungen über bauaufsichtliche Anforderungen. Die erforderliche Infrastruktur ist aus der Pflegeheimplanung bekannt. Sie ist bei stationären Hospizen aber relativ aufwendig, da es in den Häusern selten mehr als 16 Einzelzimmer gibt. Eine große Bedeutung kommt den Gemeinschaftsbereichen zu. Sie sollten als Begegnungsräume zentral liegen und leicht zu erreichen sein. Als Leitgedanken der Gestaltung kommen hier die Kommunikation und die Möglichkeit zur Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben zum Tragen. Alle Hospize räumen auch spirituellen Angeboten Platz ein; sie sind vor allem als seelsorgerische Begleitung der Bewohner und ihrer Angehörigen gedacht. Die dafür eingerichteten Räumlichkeiten dienen in erster Linie der Besinnung und bieten eine Rückzugsmöglichkeit – ganz gleich, ob sie nun Raum der Stille, Kapelle, Meditations-, Andachts- oder Gebetsraum genannt werden. Zusätzlich können sie die Orte seelsorgerischer Betreuung sein.
Die Einbeziehung der Angehörigen in die Sterbebegleitung spiegelt sich auch in anderen Raumangeboten wider. Neben Übernachtungsmöglichkeiten gibt es Ausweichräume oder separate Angehörigenzimmer mit wohnungsähnlicher Atmosphäre, zum Teil mitunter sogar für ganze Familien. In größerer Abgeschiedenheit liegen hingegen die Individualbereiche der „Gäste“ genannten Todkranken. Die Materialauswahl und die Farbgestaltung der Zimmer sollten Geborgenheit und Wohnlichkeit fördern.
Für die Planung eines Hospizes wird oft eine interdisziplinäre Gruppe mit Medizinern, Pflege-Experten und Theologen gebildet. Bei allen Parametern, Zwängen und Einflüssen im Planungsprozess bleibendie Auseinandersetzung des Umgangs mit den Sterbenden und die Aufrechterhaltung ihrer Lebensqualität die zentralen planerischen Anforderungen. Cicely Saunders, Ärztin und Begründerin der Hospizbewegung, beschreibt das Ziel: „Nicht dem Leben mehr Tage hinzufügen, sondern den Tagen mehr Leben geben.“

Dipl.-Ing. M.Arch Christoph Schirmer ist Architekt und Autor in Berlin.


Über die Ziele der Hospizbewegung in Deutschland erfahren Sie mehr unter:

www.hospiz.org.

Das Kuratorium Deutsche Altershilfe hat eine Broschüre veröffentlicht, die neben Planungsempfehlungen auch gute Beispiele jüngst realisierter Hospiz-Neubauten präsentiert. Näheres finden Sie unter: www.kda.de

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