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[ Philharmonien ]

Die Schuhschachtel

Traditionelle Konzertsäle von Leipzig bis Luzern.

„Mit dem vom 11. bis 13.des Monats unter dreitägigen Festlichkeiten eingeweihten neuen Leipziger ‚Gewandhaus‘ ist ein Bau zur Vollendung gelangt, der vor vielen anderen unserer Tage eine dauernde Bedeutung in Anspruch nehmen kann und in den Lehrbüchern der Baukunde auf lange Zeit hinaus eine Rolle spielen dürfte.“ So würdigt die „Deutsche Bauzeitung“ die Arbeit der Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden in der Ausgabe vom 24. Dezember 1884. Als „akustisches Gefäß von offenbar durch Glück und Genie gefundenen besten Maßen“ bezeichnete es ein zeitgenössischer Kritiker.

In den Lehrbüchern sind die akustischen Maßnahmen, die in der Praxis entwickelt worden waren und zu dieser Zeit noch nicht wissenschaftlich überprüft werden konnten, minutiös beschrieben. Das Konzerthaus von 1884 wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt. 1968 wurde die Ruine abgerissen. Wesentliche Impulse für den Neubau des dritten Gewandhauses kamen von Kurt Masur; es wurde 1981 nach dem Entwurf von Rudolf Skoda eröffnet. Der Gebäudetypus wird heute akustisch mit dem Begriff der „Schuhschachtel“ belegt. Die Abmessungen folgen den Proportionen 1 zu 1 im Querschnitt und dem Wert 2 in der Tiefe. Der gerichtete Zuschauerraum erfährt seinen Abschluss im meist erhöht angeordneten Orchesterpodium. Die gewünschte Nachhallzeit lässt sich mit probaten Mitteln verfeinern.

Der Nachteil besteht in den unterschiedlichen Sichtqualitäten für die Zuhörer. Bemängelt wird an diesem auch, dass hier zwar vor allem die Musik des 19. Jahrhunderts und früherer Epochen gut aufgehoben, aber die Flexibilität für heutige Anforderungen nicht gewährleistet sei.

Den Gegenbeweis tritt der Konzertsaal (Salle Blanche) im Kultur- und Kongresszentrum von Luzern an. Der Architekt Jean Nouvel hat sich den Vorstellungen des Nutzers und des kürzlich verstorbenen Akustikers Russel Johnson nicht verschlossen und eine anpassungsfähige Klanghülle erstellt. Der Saal folgt in seinen Abmessungen von 22 mal 22 mal 46 Metern zum einen den klassischen Grundanforderungen. Zum anderen gibt das Saalvolumen von 19 000 Kubikmetern dem Klang Raum und erzeugt einen runden, weichen Nachhall. Reliefierte Wandoberflächen brechen die Schallreflexionen auf und multiplizieren sie in alle Richtungen. Mithilfe von sogenannten Echokammern lässt sich das Raumvolumen des Saales um 6 000 Kubikmeter vergrößern. 50 massive Betontüren erlauben die Regelung der Nachhallzeit auf das jeweils gewünschte Maß. Deckt man die Reflexionsflächen im Saal mit Vorhängen ab, so erhält man den für Sprachveranstaltungen, Pop- und Jazzkonzerte erwünschten „trockenen“ Raum. Wirft man einen Blick in den aktuellen Festivalkalender des Sommers 2007, so kann man über die rasche Abfolge von Auftritten namhafter Musiker aus aller Welt nur staunen.


Buchtipp

Till Briegleb, Oliver Heissner

Eine Vision wird Wirklichkeit – die Elbphilharmonie entsteht
Murmann Verlag, Hamburg 2007, 120 S., viele Abb., 22 €