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Goldenes Lämmchen

Frankfurts geplante Altstadt-Rekonstruktion zeigt, welche Brüche und Widersprüche bei der Wiederherstellung eines längst verschwundenen Quartiers auftreten

Bettina Rudhof

In Frankfurt ist die entscheidende Runde im Streit um die historische Stadtmitte eingeläutet, seit der Magistrat im Juni einen Rahmenplan für die Neugestaltung des Areals Dom/Römerbergs verabschiedet hat. Ihren Ausgang nahm die Debatte mit der Entscheidung, das aus den 1970er Jahren stammende Technische Rathaus abzureißen. Bis 2013 soll dort nach dem Rahmenplan ein durch altstadttypische Dichte geprägtes Quartier mit hohem Wohnanteil und vielfältiger Nutzungsmischung entstehen, das sich weitgehend am kleinteiligen Stadtgrundriss des 19. Jahrhunderts orientiert. Die fast vierzig zur Neubebauung ausgewiesenen Parzellen sind jeweils nur etwa sechs auf zwölf Meter groß; die Erdgeschosse sämtlicher Neubauten sollen mit Läden und Gastronomie belebt werden.

Auf sechs Parzellen sollen zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert entstandene Wohnhäuser mit Namen wie „Klein Nürnberg“ und „Goldenes Lämmchen“ originalgetreu rekonstruiert werden, sämtliche anderen Neubauten sich in Gestalt und Schaufassade an ihnen orientieren. Lösungen für die Überbauung des an die Kunsthalle Schirn angrenzenden Archäologischen Gartens sollen in einem gesonderten Wettbewerb gefunden werden.

Die originalgetreu rekonstruierten Gebäude sollen teilweise zu Museen ausgebaut werden, in denen die Geschichte des Frankfurter Zunftwesens und der bürgerlichen Wohnkultur des 17. und 18. Jahrhunderts präsentiert wird. Die Bebauung der anderen Parzellen obliegt privaten Investoren und ihren Architekten, pro Haus sollen jeweils zwei konkurrierende Entwürfe einem vom Magistrat noch zu benennenden Altstadtbeirat zur Prüfung vorgelegt werden. Ihre formale Anlehnung an die originalgetreu rekonstruierten Häuser regelt eine Gestaltungssatzung, die unter anderem stehende Fensterformate, Steildächer mit mehr als 55 Grad Neigung und eine Beschränkung auf bestimmte Materialien festlegt. Auch Eingänge, Außenleuchten und Ladenschilder sollen sich dem Gesamtbild einfügen. Gewünscht wird schließlich auch der Einbau von Spolien – Mauerresten und Bauschmuck aus der im Zweiten Weltkrieg nahezu vollständig zerstörten historischen Altstadt. Im Herbst wird der Rahmenplan dem Stadtparlament zur Abstimmung vorgelegt und wahrscheinlich auch angenommen.

Modernisierung versus Tradition?

Endgültig zu den Akten gelegt wird dann auch der 2005 abgeschlossene Wettbewerb zur Neubebauung des Areals, in dem ein Entwurf des Büros KSP Engel und Zimmermann den ersten Platz belegt hatte. Der Protest gegen diesen Entwurf stand am Anfang der aktuellen Debatte.

Stein des Anstoßes waren die großen Bauvolumen und deren Orientierung an dem, was vielerorts als „moderne innerstädtische Bebauung“ gilt: Ladenlokale im Erdgeschoss einer kompakten Blockbebauung, darüber im modularen Rasterbau verglaste Verwaltungs- und Wohnetagen, davor die von ihrer eigenen Computersimulation kaum zu unterscheidenden Piazzas mit den an solchen Orten und Plätzen üblichen Cafés, Galerien und Boutiquen.

Es war die vierte große Debatte, die seit dem Krieg um die Frankfurter Altstadtgeführt wurde. Dem Anschein nach stand einem Lager der „Modernisierer“ dabei jedesmal ein Lager von „Traditionalisten“ gegenüber. Die „Modernisierer“ siegten wiederum dem Anschein nach im Wiederaufbau nach dem Krieg, im Wettbewerb um das Technische Rathaus (1963-1974, von Bartsch, Thürwächter und Weber) und in der Auseinandersetzung um die Kunsthalle Schirn (1980-1986, Architekten Bangert, Jansen, Scholz & Schultes).

Dagegen setzten sich im Streit um die Römer-Ostzeile (1978-1982) wie in der aktuellen Debatte die „Traditionalisten“ durch. Da leben auch alte Konflikte fort: So kam in der jüngsten Auseinandersetzung plötzlich der Vorschlag auf, die Eingangs-Rotunde der Schirn abzureißen – das biete mehr Platz und ein passenderes Ambiente für das neue Altstadt-Quartier.

Sieht man genauer auf die jeweiligen Resultate und hört man auf die Zwischentöne, werden diese Zuordnungen schnell fragwürdig. So kann dem Technischen Rathaus eine eigentümliche zeitgeschichtliche Relevanz nicht abgesprochen werden, nach der seine Bewahrung aus Respekt vor der Tradition der Moderne wenigstens zu diskutieren wäre. Die nahezu einstimmige Befürwortung seines Abrisses stellt allerdings keine prinzipielle Kritik der Moderne dar, sondern verwirft eine schlecht gegliederte, absichtsvoll unhistorische, letztlich unwirtliche Bebauung. Wer wollte einer engagierten, sich mit der Stadt identifizierenden Bürgerschaft absprechen, statt dessen für eine kleinteiligere und historisch vermittelte Neubebauung zu plädieren?

Eine solche Neubebauung aber wäre durchaus auch nach den Prinzipien der Moderne möglich – eine schöpferische Erweiterung des Bestands statt eines bloß „bildgerechten“ Wiederaufbaus. Deutlich wurde das in den zahlreichen Diskussionsrunden und Workshops, die Stadt und stadtnahe Organisationen veranstalteten. So wandten sich die Teilnehmer der „Römerberggespräche“ im Januar 2006 gegen eine „Festivalisierung“ der Stadtmitte nach dem Muster Dresdens oder Venedigs, die dort zur Flucht der angestammten Bevölkerung aus der Altstadt führte.

Deshalb braucht es vor allem anderen eine kritische Reflexion der Geschichte der Altstadt. Die Lage dort war nicht erst seit den Bombardements von 1944 desolat, sondern schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg. Seit der Anlage des weiter westlich gelegenen Bahnhofsviertels war sie von massiver sozialer Verelendung, unhaltbaren hygienischen Zuständen und entsprechendem baulichen Verfall geprägt. Erste Sanierungen in den 1920er Jahren suchten in der Enge der Gassen und Häuser durch gezielten Abbruch Luft und Raum zu schaffen. Spätestens jetzt war der mittelalterliche Grundriss obsolet und stellte sich die Frage nach einem modernen Lebensverhältnissen entsprechendem Umbau. Diese Frage wurde später durch eine „Modernisierung“ nach der Art des Technischen Rathauses nicht angemessen beantwortet. Doch rechtfertigt dies nicht den Umkehrschluss auf den idyllisierenden und deshalb selbst unhistorischen Rückbau auf eine pseudo-mittelalterliche Bildwelt, den Rahmenplan und Gestaltungssatzung vorsehen.

In ihm wird die künftige Bebauung primär aus den Identitätsbedürfnissen der Bürgerschaft abgeleitet  – ob aus tatsächlichen oder bloß behaupteten, sei dahingestellt. Doch ergibt sich Identifikation nicht allein aus formalen Gestaltungen, sondern aus den Möglichkeiten, am städtischen Geschehen teilzuhaben. Soll sich solche Teilhabe in einem Ensemble von Gebäuden verdichten, müssen deren gestalterische Qualitäten mit ihren sozialen und funktionalen Qualitäten zusammenstimmen.

Die Formel „Gegen vorgehängte Fassaden, für originalgetreue Rekonstruktion“ wirkt da populistisch und blendet die sozialen und funktionalen Aspekte aus. Erfahrbar wird das auch an den baulichen Problemen bei der Umsetzung des Rahmenplans. So erfordert die Absenkung des Höhenniveaus auf das der Vorkriegszeit den Abriss eines Geschosses der Tiefgarage unter dem Römerberg. Damit wird das Quartier weitgehend barrierefrei. Das wird dann aber durch das geforderte, „dem Vorkriegszustand entsprechende Natursteinpflaster“ zunichte gemacht – doch hat man sich in der Vormoderne um Rollstuhlfahrer ja auch keine Gedanken gemacht.

Zugleich müssen zwei U-Bahn-Zugänge verlegt werden, die auf den Parzellen von zur Rekonstruktion vorgesehenen Häusern stehen. Doch wohin? Einer soll neben das wieder zu errichtende Denkmal das Mundartdichters Friedrich Stoltze platziert werden. Insofern wird die Fahrt im Aufzug aus U-Bahn und unterirdischem Parkdeck, die Besucher schon heute aus der ausbetonierten Tiefebene auf den originalgetreu rekonstruierten Römer befördert, auch künftig den wohl „authentischsten“

Eindruck hinterlassen: Stehen die Gäste der Altstadt dann doch jeweils plötzlich im Stadtgrundriss des 19. Jahrhunderts, umgeben von fotogenen Schaufassaden in beschaulicher Atmosphäre.

Zuletzt gilt es nicht nur der Gestaltungssatzung zu entsprechen, sondern auch den strengen Vorgaben der Hessischen Bauordnung. Die hohe Bebauungsdichte wird sicherlich Ausnahmeregelungen erforderlich machen. Offen bleibt zudem, ob hinter den variationsreichen Fassaden nicht doch einzelne Parzellen zusammengelegt werden. Vielleicht genügte es ja, das Ganze als virtuelle Simulation einzurichten: Die einen hätten dann ihre Fassadenbilder; die anderen könnten sich mit nicht materialisierten Bildern leichter abfinden als mit gebauten Fassaden. Die Schirn und ihr experimentierfreudiger Leiter, der seine Rotunde ja nun behalten darf, könnten das sicherlich möglich machen.

Bettina Rudhof ist Kunsthistorikerin in Frankfurt am Main.